LINDAU – Eine mitreißende Chorleistung und ein souverän aufspielendes Orchester prägten das sonntägliche Konzert in St. Stephan. Mit Schuberts Es-Dur Messe und dem 42. Psalm von Mendelssohn-Bartholdy lieferte der Kammerchor Lindau erneut den Nachweis seines überragenden Könnens.
Wenn Lutz Nollert bereits den fließenden Sechsvierteltakt im Eingangschor so schwelgerisch und wiegend angeht, dann wird offenkundig, daß der 42. Psalm zwar als Klagepsalm gilt, von Mendelssohn aber in einer besonders glücklichen Zeit geschrieben worden sein muß. Eine verinnerlichte Stimmung kennzeichnet die beiden folgenden Sätze, wo Sopran und Oboe, später auch die Frauenstimmen im Chor, miteinander kommunizieren. Bereits hier gilt es, auf die prägende Solistin des Konzertes einzugehen, nämlich auf Birgit Plankel aus Dornbirn. Ihr klarer, aber dennoch sanfter Sopran besticht durch unaufdringliche Strahlkraft. Ohne solche Passagen etwa zu dominieren, in denen sie sich mit den anderen Stimmen vereint, gibt sie ihnen doch erst das Unverwechselbare.
Mit dem Züricher Tenor Bernhard Hundsicker, der wie Marie-Luise Erlacher (Alt), Gerald Fleisch (Tenor 2) und Michael Schwendinger (Bass) erst in der zweiten Hälfte der Schubert-Messe zum Einsatz kommt, verschmolzen hier zwei Stimmen, die ein ohnehin bestechendes Kirchenkonzert noch zusätzlich aufwerten. Sowohl der 42. Psalm als auch die große Es-Dur Messe von Schubert indes sind Werke, bei denen vor allem die Leistungsfähigkeit eines Chores sichtbar wird. Dies umsomehr, wenn sich der Dirigent darauf verlassen mag, dass eine auf Unmittelbarkeit und prachtvolle Klangentfaltung angelegte Interpretation auch noch bei der Aufführung spontane Gestaltungsmöglichkeiten zuläßt. Beide, Chor und Orchester, ließen sich dort, wo Lutz Nollert auf lustvolle Tongebung, retardierende Momente oder auskostende Empfindung setzte, willig führen. Zusammen verstärkten sie den Eindruck einer Aufführung, bei der große Linien, natürlich atmende Phrasierungen und Freude an der Gestaltung jederzeit fühlbar blieben.
Schuberts Es-Dur Messe hält zahlreiche Passagen vor, bei denen der ganzen Reichtum seiner Ausdrucksmöglichkeiten präsentieren kann. Insbesondere die überaus präsenten Männerstimmen glänzten diesmal durch Präzision und Artikulation und erreichten eine Balance gegenüber Sopran und Alt wie selten zuvor. Da erreichte das „Misere nobis“ eine ganz eigentümliche Mischung, die schwebend, verklärt und gespenstisch zugleich wirkte; die „Cum Sancto Spiritu“-Fuge erklang packend und entschlossen, überhaupt: den ganzen Aufenthalt im harmonischen Labyrinth dieses unerhörten „Gloria“-Teiles, die Aufteilung in zwei Chöre und die A-Capella-Takte sowie die Bedrängung durch Pösaunenchoräle meisterte der Kammerchor mit jener Sicherheit, die dann eintritt, wenn man seine „Hausaufgaben“ bei Bach ordentlich gemacht hat. Bis endlich im verklärenden „Et incarnatus est“ die Solisten Gelegenheit haben, die dichte Wirkung des bis dahin Gebotenen zu übernehmen – und sie tun das großartig – wird auch das reich besetzte Orchester herrlichste Klangfarben entwickeln und am Ende mitverantwortlich dafür sein, daß diese Aufführung vermutlich zur „Top 5“ des Kammerchores unter seinem Leiter Lutz Nollert gehört.