Jugend erweitert eindrucksvoll den Begriff „Kirchenkonzert“

LINDAU – Diesmal hat Thomas Spies für sein Jahreskonzert nicht nur die Jugendkapelle um sich geschart: Mit zwei Chören des Valentin-Heider-Gymnasiums unter Ulrike Friedmann und Kantor Lutz Nollert an der Orgel wurden weitere musikalische Kräfte mobilisiert, mit denen ein Kirchenkonzert abseits der gewohnten Pfade entstand.

Da lacht das Musikerherz: der Kirchenraum war gut gefüllt, und Pfarrer Heuss, der auf den würdigen Rahmen in „seiner“ St. Stephanskirche für dieses Konzert hinwies, hat sich erkennbar mitgefreut. Angesichts des üppigen Instrumentariums im Chorraum und der vielen jugendlichen Musiker war es für ihn naheliegend, Parallelen zum Motto des gleichzeitig stattfindenden Bodenseekirchentags aufzuzeigen: „In der Vielfalt zu Hause.“ Ein Blick auf das überwiegend religiös ausgerichtete Programm bestätigte diese Vielfalt eindrucksvoll. Der Auftakt mit Händels populärstem Orgelkonzert setzte qualitativ einen ersten Akzent. Lutz Nollert spielte sich gekonnt und mit einfühlsamer Registrierung durch die drei Sätze dieses Konzertes, dem die Jugendkapelle im Orchester-Arrangement für Bläser ganz neuartige Facetten abgewinnen konnte; insbesondere in den tiefen Lagen führte das immer wieder zu bezaubernden Klangergebnissen. Ann Katrin Bosshammer betätigte sich nicht nur am Tenor-Saxophon, sondern führte selbstbewusst und mit jugendlicher Unbekümmertheit durch die einzelnen Programmpunkte.

Zu diesen gehörte die packende Fassung des „Kaddisch“ von William Francis McBeth. Die verhaltende Dramatik dieses jüdischen Trauergebets unter den machtvollen Klängen der großen Trommel stellte nicht nur hohe Anforderungen an das Können der Musiker, sondern ebenso an die Gestaltungskraft dieses Klangkörpers, den Spies auf ein solch hohes Niveau gebracht hat.

Als Novum darf die Einbeziehung eines Chores gelten. Die Literatur für Bläser und Chor ist schon deshalb eingeschränkt, weil es für Sänger natürlich schwer ist, sich gegen die Klanggewalt eines voll besetzten Blasorchesters samt Schlagwerk durchzusetzen. Doch der von Ulrike Friedmann bestens vorbereitete Mittel- und Oberstufenchor des Valentin-Heider-Gymnasiums wurde zum einen unauffällig über Mikrofone verstärkt, zum anderen hat Thomas Spies selbst auf die richtige Balance geachtet; dies hat dem gemeinsam vorgetragenen „Dona nobis pacem“ von Thomas Doss zu enormer Wirkung verholfen, zumal sich der Chor weder durch Synkopen noch durch die hochaktive Percussion-Gruppe in seiner rhythmischen Sicherheit beinträchtigen ließ. Als wohltuend, dabei keineswegs selbstverständlich, erwies sich die große Textklarheit in den anschließenden Stücken, die der Chor ohne Begleitung vorführte. Ein Glanzlicht setzte danach Verena Fischer als Sängerin in dem Stück „Wo ich auch stehe“, das sie gekonnt und offenbar ohne jegliche Nervosität vortrug.

Das Publikum ist beschwingt

Besonderer Höhepunkt – und später nochmals erstes Zugabestück – aber war die mitreißende Bearbeitung von Händels „Hallelujah“, wo alle Beteiligten von der rhythmischen Kraft und dem ungewohnten Drive, die Takashi Hoshide der ursprünglichen Fassung überstülpte, angesteckt wurden. Wie zur Bestätigung, dass man ein Kirchenkonzert durchaus anders definieren darf, hat Lutz Nollert schließlich dem sichtlich beschwingten, lang applaudierenden Publikum gezeigt, dass ein Jazzklassiker – Dave Brubecks „Take Five“ – auch auf der Orgel eine gute Figur machen kann.