Jörg Hube entblößt auch sich und seine Zunft
Gottlob hat ihn der anarchistische Impuls, von dem Jörg Hube hie und da erfasst wird, nicht zum Zündeln im holzstrotzenden Zeughaus verführt. Dass ihn aber manchmal die Zwangsvorstellung überkommt, ein Theater samt Publikum anzuzünden, war am Ende seiner dreistündigen Darbietung durchaus nachvollziehbar.
Zart Besaitete sollten für den Besuch von „Herzkasperls Her- und Hinrichtung“ ein wenig präpariert werden. Gilt es doch, innerhalb der höchst aufschlussreichen Ausführungen zur Fragwürdigkeit des Schauspielerberufes die sonderbaren Anforderungen auszuhalten, die dort gelegentlich erwartet werden: Schon mal auf offener Bühne den Stuhlgang verrichtet? Oder nackt, gar als Schildkröte herumgelaufen? Jörg Hube hat in seiner Laufbahn alles schon mitgemacht, und so wundert es nicht, wenn er nachvollziehbar macht, dass er schließlich auch im Zeughaus nackt auf der Bühne stehen wird. Als erfolgreicher Schauspieler, das hat am Ende jeder begriffen, musst du im wahrsten Sinne des Wortes „jeden Scheiß“ mitmachen, und folgerichtig verweilte Jörg Hube halb genüsslich, halb angeekelt immer wieder bei Begriffen, die ihre Analnähe keineswegs verleugneten.
Theatergeschichte auf Bayrisch
Natürlich ist Jörg Hube viel zu sensibel und viel zu intelligent, um derlei Ab- und Ausschweifungen zum Wesentlichen seines kabarettistischen Theatermixes zu machen. Dieser Teil dient vor allem dazu, den Verlust des geistigen Innenlebens und die Preisgabe der eigentlichen Persönlichkeit bildhaft zu machen, die ehrgeizigen Schauspielern droht. Es ist jedoch keineswegs so, dass dieser düstere Aspekt den überaus fesselnden Abend dominiert hätte – ganz im Gegenteil: In bestem Bayrisch führt uns der begnadete Schauspieler durch theatergeschichtliche Hintergründe, klärt uns über das schwierige Verhältnis zwischen Zeus und Prometheus auf, rezitiert schon mal Goethe, Shakespeare oder Wilhelm, sprich: Double U-Busch, und tritt den Beweis dafür an, dass die Ursache für die Ergreifung des Theaterberufes in der Regel am „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ früher Kindertage liegt.
Als Schauspieler, vor allem als Kabarettist weiß er ebenso, dass er die rote Linie immer wieder mal verlassen darf, um sich Deutschlands Vergangenheit, der Tagespolitik, den Juden oder der Kirche zuzuwenden: Themen, bei denen sich Hubes Humor besonders schwarz einfärbt; etwa dann, wenn er vom Verbrennen als typisch deutsches Reinigungsritual spricht: Als Beispiel benennt er dann in korrekter geschichtlicher Reihenfolge die Hexen, Juden und Asylanten…
Dazwischen streut er manch köstliche Parodie und imitiert etwa den seligen Franz Josef Strauß, dass es eine Pracht ist. Es entstehen wunderbare Momente, die vom großen Karl Valentin stammen könnten – doch am Ende, als das Publikum gemeinsam mit dem entkleideten Jörg Hube „Die süßesten Früchte“ singt, erinnert er nochmals an seine Haltung: „Ich würde heute nicht mehr zum Theater gehen. Ich habe bemerkt, dass die Würde des Menschen antastbar ist.“ Welch Glück, dass dies für ihn trotzdem kein Grund war, es nicht zu tun!