Jankelewitsch und sein Leibwächter (Alexander und Lew Schargorodski)

Eindrucksvoller Dialog wider die Einsamkeit

In kaum gefährdeter Schwebe – hier das schwere Los des Verlassenseins, dort der nie versiegende jüdische Witz – gestalteten Joachim Bliese und Peter Heinrich einen eindrucksvollen Dialog wider die Einsamkeit. Geteilt wurde er von einem nur mäßig besetzten Theater.

Man könnte wehmütig werden, wenn Theaterstücke wie „Jankelewitsch und sein Leibwächter“ zutage fördern, daß der Holocaust nicht nur Menschen vernichtet hat, sondern mit ihnen auch all den verschmitzten Humor und den Reichtum an klangvoller Sprachannäherung. Insbesondere Joachim Bliese ist das zu danken, der dem jüdischen Sprachidiom treu und wohldosiert auf der Spur blieb. Zudem gelang es ihm auf seltsam unaufdringliche Art, den Finger auf die nie verheilende Wunde so vieler Überlebender zu legen, und das verlieh dem Stück seine eigentliche Qualität: die Einsamkeit in der Emigration zu verdeutlichen, die Verlorenheit angesichts gewaltsam vernichteter Familien. Immer wieder spielt er dabei auf wohlbekannte Vorurteile an, bestätigt sie provokant, und leitet sie genauso häufig weiter an die, die sie mit geschaffen haben.

Dies ist unauffällig verwoben in die Lebensgeschichte des Herrn Jankelewitsch, der damit auch gleich eine Probe des „jüdischen“ Erfindungsgeistes im Angesicht widriger Umstände abliefert: Nur um endlich jemanden zu haben, dem er sich mitteilen kann, heuert er einen Leibwächter an. Ganz im Widerspruch zu seiner tatsächlichen Situation gibt er vor, ein reicher Waffenhändler zu sein, was den Ehrgeiz des von Peter Heinrich in wunderbarer Plumpheit gespielten Leibwächters nur zusätzlich anstachelt. Es würde also kein leichtes Unterfangen werden, die Erlebnisse von drei Kriegen, ebenso vielen Haftaufenthalten und einem Pogrom an den Mann zu bringen.

Jedenfalls agieren die beiden in stets wachsender Verbundenheit, und ganz allmählich entsteht aus den oft so traurigen Äußerungen, dem Schwärmen von längst vergangener Liebe und dem Lästern über die so gar nicht „lustigen Dinge“ das wackelige Gerüst für eine kleine Lebensphilosophie. Natürlich gibt es da noch eine ordentliche Entführung (zu „sardischen Juden“ wird da die Mafia erhoben!) mit hoher Lösegeldforderung; und das kolossale Missverständnis über seine wahren Vermögensverhältnisse bringt das Stück um ein Weiteres in Fahrt. Ansonsten aber dominiert eine geradezu unzeitgemäße Ereignislosigkeit. Das Stück wird in Gang gehalten von bemerkenswerten Gedanken und Betrachtungen, denen insbesondere Joachim Bliese mit spürbarer Lust und gutem Zeitgefühl nachhängt.

Es bleibt ein Schleier voller Melancholie. Er hebt sich gelegentlich, wenn da ein Satz fällt wie „Das Leben wurde immer lustiger – es hing uns zum Halse heraus“. Oder beim makabren Toast auf seine Schicksalsgenossen: „Auf die Juden- ex!“ Gemeinsam, nunmehr aufgeklärt über das wahre Ich des anderen, stricken sie jetzt weiter an einer brauchbaren Lebensphilosophie; nicht mehr ganz so einsam zwar, aber hinreichend geprägt von ihrem Schicksal. Mehr als der Rat – gleichzeitig Schlusswort des Stückes – „Solange es möglich ist, lebt lustig“ kann da freilich nicht herauskommen…