Internationales Niveau

LINDAU – Erneut ist das Kulturprogramm der Stiftskirche um ein musikalisches Ereignis erweitert worden, das jedem internationalen Vergleich standhält: Der berühmte „Akademische Kammerchor Moskau“ war zu Gast und bescherte den Initiatoren eine volle Kirche. 

Wenn längst etablierte Künstler von solcher Klasse gastieren, bedürfen die gewiss nicht eines weiteren freundlichen Kommentars auf ihrer Tournee. Dass es rührigen Veranstaltern jedoch gelingt, solche Höhepunkte immer wieder erlebbar zu machen, muss an dieser Stelle gelegentlich gewürdigt werden. Und dazu gehörte zweifellos diese Konzertmatinee am Sonntag.

Es war ein fast ausschließlich geistliches Konzert, das in der Stiftskirche „Mariä Himmelfahrt“ zu hören war, doch seinen außergewöhnlichen Reiz erhielt es dadurch, dass es sich um russisch-orthodoxe Musik handelte. Doch welche Authentizität, welch sängerisches Format kam da zum Klingen, als der Chor zunächst zu acht Gesängen aus der Liturgie des Johann Chrysostomos von Sergej Rachmaninow anhob.

Das „Echo der himmlischen Chöre“ zitierte Dekan Ortwin Gebauer am Beginn des Konzertes, das zu einer einzigen Fülle des Wohllautes wurde, und schien damit fast zu untertreiben. Da paarte sich feierliche Schwermut mit atemberaubender Disziplin, erstrahlten prächtige Männerstimmen zu schmetterndem Lobgesang. Wladimir Minin, der künstlerische Leiter dieses überaus homogenen Solistenensembles, schien nicht einen Takt dem Zufall zu überlassen, und wer gemeint hatte, dass ein Pianissimo am Ende einer dynamischen Abstufung steht, dem hielt dieser Chor noch weitere Abstufungen in vollendeter Zartheit und Deklamation bereit.

Auffallend auch die natürliche Präsenz der zwanzig Frauenstimmen, denen jede Höhe voller Wärme gelang und jede Synkope zur rhythmischen Selbstverständlichkeit wurde. Auf das solistische Potential unter ihnen dürfte manche Bühne neidisch sein – insbesondere der betörend tiefe, wahrlich russische Bass und die sowohl stimmlich als auch optisch hinreißende Altistin, die man sich jederzeit nicht nur als überzeugende Carmen vorstellen kann. Doch bei allen großartigen Einzelleistungen faszinierte die chorische Gesamtleistung in einem Programm, das in überwältigender Eindringlichkeit von der tiefen Religiosität und der unvergleichlichen Atmosphäre russischer Chormusik zeugte.