Indien (Josef Hader und Alfred Dorfer)

Derb, wienerisch und anrührend

Nun wird sich mancher fragen, ob die viel zitierte kulturelle Vielfalt‘ als Versprechen oder doch eher als Warnung gedacht war. Denn „Indien*, das populäre und mehrfach ausgezeichnete Stück von Josef Hader und Alfred Dorfer, hat die Gemüter im Stadttheater ganz unterschiedlich beschäftigt, einige auch erregt.

Dabei stellte keiner die schauspielerische Leistung von Ernst Konarek und Gottfried Breitfuß in Frage – zu eindeutig belegt ihre Vita als Staatsschauspieler in Bochum, Stuttgart, Wien oder Zürich ihre künstlerische Klasse, um nicht auch ein we~ nig stolz gewesen zu sein, sie hier in Lindau erlebt zu haben. Gleichwohl: Wenn ein solcher Oberprolet wie Heinz Bösel auf den nervtötenden Streber Kurt Fellner trifft, wenn also deftiges Kabarett im Theater stattfindet und beispielsweise Stuhlgang-Probleme dem braven Bildungsbürger vorgesetzt werden, dann kann es schon passieren, dass etliche Besucher den Saal verlassen und andere hinterher recht lebhaft über das Ganze diskutieren.

Dabei wurde klar, dass es diejenigen Besucher leichter hatten, die das typisch Wienerische schätzen oder Freude am schwarzen Humor eines Helmut Qualtinger haben und der derben Ausdrucksweise eines Siggi Zimmerschied. Die meisten aber waren geduldig genug, um die jähe Wendung im letzten Drittel des Stückes abzuwarten. Denn dort wurde schließlich deutlich, dass das etwas lange und derbe Vorspiel durchaus seinen dramaturgischen Sinn hatte – so widerwillig man sich ihm bis dahin auch aussetzen mochte.

Es ist wahr: In, Indien“ wird ziemlich viel gefressen und Bier in Mengen gesoffen, dazu gepöbelt und bestochen. Und wer es bis dahin nicht wusste, der konnte einiges über die fleischlichen Gelüste frustrierter Kleinbürger oder die Folgen übermäßigen Alkohol-Genusses erfahren – manchmal viel anschaulicher, als man das unbedingt sehen mochte.

All die abstoßenden Reaktionen und primitiven Streitereien gab’s live auf der Bühne – und wer nun ins Theater gekommen war, um genau solchen Szenen des realen Alltags zu entfliehen, der konnte in der Tat ein Problem bekommen: Ganz zu schweigen von denjenigen, die mit dem Begriff Sprechtheater eben auch die Hoffnung auf eine gepflegte (deutsche)Sprache verbinden. Wer sich aber auf dieses trübselige Wirtshausmilieu einließ, der konnte erleben, wie aus einer berufsbedingten Zweckgemeinschaft – Mö-sel und Feller sind niederösterreichische Gasthaus-Kontrolleure und Testesser – eine ebenso unbeholfene wie anrührende Freundschaft er-wächst. Denn Fellner wird ganz unerwartet mit einer Krebskrankheit konfrontiert, die ihm nur noch wenig Zeit lässt.

Deftiges und Unappetitliches

Der Wechsel vom dumpfen Berufsalltag mit Beziehungs-, Verdauungs-und Verständigungsproblemen hin zu einer ganz anders gearteten Männerfreundschaft findet in der Darstellung. der beiden Hauptdarsteller eine imponierende Umsetzung. Regisseur Franz Burkhard flüchtet sich dabei nicht in rührselige Klischees, sondern sorgt dafür, dass es auch in Anbetracht der ganz neuen Situation keinerlei Brüche zum. Charakter oder dem Verhalten der bisherigen Gegenspieler gibt.

Erst mit dieser Wendung fügt sich der deftige, hin und wieder unappetitliche erste Teil zu einer achtbaren Tragikomödie. Dabei lässt sie tief in die Schichten derer blicken, die vermutlich nicht zu den üblichen Theaterbesuchern gehören, Die Besucher freilich, die sich „Indien“ jetzt im Stadttheater ansahen, hatten immerhin die Möglichkeit, die Darstellung solcher Lebenswelten entweder auszuhalten – oder sie sich anderswo (ebenfalls bei einem Bier?) vom Leib zu halten.