Ich, Feuerbach (Tankred Dorst) (1997)

Dorst-Stück eine Sternstunde im Lindauer Stadttheater

Eine grandiose Demonstration packender Schauspielkunst vollzog sich am Mittwochabend im Stadttheater. Heribert Sasse zelebrierte Tankred Dorsts „Ich, Feuerbach“ – absoluter Höhepunkt seit langem.

Verwirrung zunächst. Fünf, ja: sieben Minuten nach Acht bereits.

Arne Lehmann als Regieassistent längst schon in Position an seinem Schreibtisch vor der Bühne. War etwas schief gelaufen? Sichtlich betreten erscheint Hauptdarsteller Heribert Sasse am Bühnenrand, verunsichert und mit etwas zittriger Stimme durch die unerwartete Verzögerung. Einzig die Plastiktüte, an die er sich nervös klammern kann. War er etwa nicht pünktlich genug zu dieser Vorstellung erschienen? Irritation bei den Zuschauern, und immer noch keine Antwort auf Sasses Rufe, die er in die Nähe der Scheinwerfer im zweiten Rang richtet. Von dort aus wird ihn der Direktor beim Vorsprechen beobachten.

Alles Theater. Der Beginn einer Inszenierung, die überzeugender kaum zu denken ist. Heribert Sasse als ehemaliger Schauspieler Feuerbach entfaltet seine glanzvollen Monologe mit dem gleichfalls wartenden Assistenten wie jemand, der nacheinander Feuerwerkskörper entzündet, von denen man zunächst nicht weiß, wie sie aussehen werden. Hier redet einer um sein Leben, ehe endlich der Direktor zu diesem so wichtigen Vorsprechtermin eintreffen wird.

Doch bevor auch aus Arne Lehmann herausbrechen wird, was sich durch die Allmacht und Marotten seines Vorgesetzten angesammelt hat, wird Heribert Sasse ihn ablenken und beschimpfen, und er wird ihm immer wieder dieses verächtliche „Herr Assistent“ vor die Füße werfen, wird es mit Inbrunst variieren, um ihm seine Mittelmäßigkeit vor Augen zu führen. Und ihn selbstbewusst ermahnen: „Ich spreche mit Ihnen. Ich, Feuerbach.“ Und dann kommt es doch heraus, jenes Geheimnis um Feuerbachs siebenjährige Theaterabstinenz. Einmal hatte es sich bereits angedeutet, als er von der „Psychologie, der Pest unseres Jahrhunderts“ sprach. In eine Anstalt war er gebracht worden, dorthin, wo sich dem Genialen, den Visionen in ihm niemand nähern konnte, weg von den vertrauten Brettern.

Heribert Sasse steigert sich in einen wahren Spielrausch, als sein verzweifelter Kampf um eine Rolle in den Bereich vorstößt, wo der bedrohliche Psychopath vom Genie des Schauspielers, aber auch von seiner Angst vor dem Scheitern überlagert wird. „Darf denn ein Leben nicht Lücken aufweisen?“ wird er dem Assistenten zurufen, und nach weiterem fesselnden Spiel: „Den Vogelschwarm haben Sie doch gesehen?“ Nein, hat er nicht, der Assistent, den Arne Lehmann so zwingend interpretiert. Wohl aber die Kleidungsstücke, die Feuerbach in einer Franz-von-Assissi-Verwandlung verliert, um so schließlich bei der Ankunft des Direktors in Unterwäsche dazustehen. Nein, diese Blöße hatte er sich nicht geben wollen – noch so eine Szene, die Sasse zu gestalten weiß.

Gleichwohl, er – Feuerbach – spielt vor, umständlich einleitend, beim Tasso landend, und noch vor dem Ende ist der Direktor verschwunden.

Fassungslos ermißt er die Konsequenz: Umsonst gekämpft, gelechzt nach einer auch noch so kleinen, aber lebenserhaltenden Rolle. Sein Wahnsinn, Antrieb und Handicap, bleibt ohne Betätigungsfeld

Heribert Sasse steht noch immer da in Socken, verläßt die Bühne. Nein, für den bevorstehenden Gang braucht er seine Stiefel nicht. Der Unterschied zwischen Theaterpflicht und Theaterkür ist wieder hergestellt. Und ebenso die Einsicht, daß eine Aufführung wie diese mehr Lust und Neugierde aufs Theater wecken kann als zehn mittelmäßige „Räuber“. Eine Sternstunde fürs Stadttheater!