Hintergründiger Spaß
Diesen Anblick galt es für Uli Böttcher erst mal zu genießen: ein berstend voller Club und Zuschauer, die offenbar ein letztes Mal für dieses Jahr ein wahres Kulturerlebnis erwarteten. „Romeo und Julia“, Shakespeares kompletter Familienzwist, in der Fassung für einen Darsteller, eine Jalousie und einen aufmerksamen Beleuchter stand an, und wer den Stoff bis dahin nicht kannte, durfte tatsächlich um ein großes Literaturthema reicher nach Hause gehen.
Geschickt verstand es Uli Böttcher, sein Publikum aus scheinbar nebensächlicher Plauderei heraus auf die wesentlichen Handlungsstränge zu hieven. Seine nüchternen, flott abgespulten Erklärungen entpuppten sich stets als zuverlässiges Zündelement für köstliche Spielszenen, die sein schauspielerisches, besonders aber sein komödiantisches Talent ein ums andere Mal unterstrichen. Schnell wurde die tödliche Verfeindung der beiden Familien Montague und Capulet deutlich, und die Angst, Romeo und seine herrlich charakterisierten Freunde könnten – obwohl maskiert – auf dem Frühlingsfest der Capulets entdeckt werden, war durchaus spürbar. Daß es Böttcher eben auch um hintergründigen Spaß geht, zeigte sich in der überaus komischen Begegnungsszene zwischen Romeo und Julia, die er schier komplett mit allen Merkmalen ausstattete, die solchen Erstbegegnungen unterstellt werden; da walten Naivität, Nervosität, Unbeholfenheit, Übertreibung, Dreistigkeit und Verklärung, daß einem warm ums Herz wurde.
Häufig erhob Böttcher sein Abschweifen zum Hauptthema, und so ergaben sich kabarettistische Nummern zum Problem von Pickeln, dem Verständnis der damaligen Frauenrolle oder den Vor- und Nachteilen des Ehelebens; zu einem witzigen Dialog mit Proben seiner Schlagfertigkeit geriet die Frage, was einen Freundeskreis ausmacht – man einigte sich auf den Austausch eines Geheimnisses -, denn nur so ließ sich die Anwesenheit zahlreicher Neugieriger im Schlafzimmer der 14jährigen Julia vor ihrem Vater halbwegs begründen: groteske Lösung, um die Einbindung des zum Hause der Capulets deklarierten Publikumsteiles zu begründen.
Über die Szene ihrer einzigen gemeinsamen Nacht („Kann ich eine Zigarette bekommen?“) vor seiner Verbannung bis zum Finale in der Gruft, wo Romeo neben der nur scheinbar toten Julia das Gift nimmt, betritt Uli Böttcher so manchen ergiebigen Nebenweg, dem zu folgen man auch nach zweieinhalb Stunden nicht müde wird. Die Idee schließlich, das vorgegebene tragische Ende nicht zu verändern, sondern verschiedenen internationalen Gepflogenheiten zu unterwerfen, war den zahlreichen Zugabewünschen Vorbehalten. Da verfehlten weder das schweizerische Taschenmesser noch das japanische Harakiri oder die französische Ungeduld, diese Geschichte abzuschließen, um sich einer neuen zuwenden zu können, ihre Wirkung.
Alles in allem: ein würdiger Abschluss der von Club Vaudeville und Kulturamt initiierten Kabarett-Reihe, der eine Fortsetzung zu wünschen ist.