LINDAU – Die erste „Carmen“ in Lindau und die einzige Carmen im deutschsprachigen Raum, die es für Marionettentheater überhaupt gibt: Mit solchen Trümpfen in der Hand sollte dem Erfolg dieser hinreißenden Opern-Inszenierung eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Auch der klassische Opernbesucher dürfte aufgrund der atmosphärischen Dichte und der Lebendigkeit dieser Aufführung seine helle Freude haben.
Ganz so, dass man sich immer noch auf den Propheten berufen müsste, der im eigenen Land nichts gilt, verhält es sich mit Bernhard Leismüller und seinen Puppenspielern mittlerweile nicht mehr. Der Hinweis aber, dass Lindau auf dieses kulturelle Juwel nicht nur stolz sein darf, sondern es gelegentlich auch betrachtet werden will, ist keineswegs überflüssig.
Eine besonders reizvolle Möglichkeit, sich von dieser Kunstform auch dort verzaubern zu lassen, wo man eigentlich ihre Grenzen vermutet hat, bietet ab heute Georges Bizets „Carmen“. Mit den vertrauten Bildern im Kopf, die um Soldaten, Zigarettenfabrik, Zigeunerlager und Stierkampf kreisen, könnte einen zunächst Skepsis befallen. Erfährt man aber, dass bis zu neun Spieler gleichzeitig die Bühnenakteure beleben, wird klar, dass es sich keineswegs um eine Miniausgabe dieser weltberühmten Oper handelt.
Und so startet der erste Akt auch gleich mit acht verschiedenen Puppen – hier die Soldaten, dort die Fabrikarbeiterinnen – von denen ein Kostüm schöner ist als das andere. Sofort wird klar, welch großer Wert auf Personenführung und choreographische Abstimmung gelegt wurde: Jeder rhythmische Akzent erfährt seinen Niederschlag in einer Bewegung, Synkopen und instrumentale Besonderheiten der Partitur finden ihre gestische Entsprechung.
Und als Carmen von José schließlich abgeführt wird, geschieht das nicht im Hintergrund, sondern mit einer maßstabsgetreuen Kette. Wirkte das Bühnenbild im ersten Akt vielleicht noch ein wenig bieder, so fühlte man sich danach in die nächtliche Zigeunerschenke förmlich hineingezogen: die unendliche Weite des Sternenhimmels, farbige Lampions und das Gefühl des Verbotenen inmitten der Schmugglerbande erzeugten eine suggestive Wirkung, der man sich kaum entziehen konnte. Selbst die Kastagnetten und ein Tamburin wurden „live“ von den Puppen gespielt und spätestens hier begann man zu ahnen, welch unglaubliche Fingerfertigkeit und Kenntnis der Partitur nötig sind, um einen solchen Eindruck zu erzeugen. In dieser stimmungsvollen Schenke hat Stierkämpfer Escamillo seinen großen, bühnentechnisch brillant gelösten Auftritt; später dann der aufreizende und verführerische Tanz Carmens vor dem verhängnisvollen Trompetensignal: ein kleines choreographisches Meisterstück.
Auch als die Kartenlegerinnen Carmens Tod Voraussagen, werden die künstlerischen Ambitionen von Regisseur Ralf Hechelmann und Bernhard Leismüller deutlich: jede Haltung und jede kleine Bewegung entspringen einem großen Einfühlungsvermögen für die jeweilige Situation; erst liegt diese Frauengruppe wie zufällig um die ausgelegten Karten, erkennt allmählich die Tragweite von dem, was sie Vorhersagen, agiert immer angespannter, am Ende in aufrechter, nervöser Haltung.
Auch hier verschwimmen die Grenzen zwischen „wirklicher“ Oper und Marionettenoper besonders eindrucksvoll. Im tragischen Schlussakt schließlich fängt die „Lindauer Marionettenoper“ noch einmal die erregte und bedrohliche Atmosphäre ein, die einerseits den Beginn des Stierkampfes, andererseits aber auch die tödliche Auseinandersetzung zwischen Carmen und José prägt.
So entstehen zweieinviertel Stunden farbenfrohes, pralles Musiktheater, dem die Puppenspieler um Bernhard Leismüller und Ralf Hechelmann eine wahrlich „neue“ Sichtweise abgewinnen konnten. Die Absicht, die hohen Hürden dieser Oper mit Marionetten zu überwinden, ist auf bewundernswerte Weise aufgegangen und‘ dürfte die Popularität des „Lindauer Marionettentheaters“ um ein großes, vielleicht sogar entscheidendes Stück gesteigert haben.