Herrliche Momente

LINDAU – Fast doppelt so viele Zuhörer wie tags zuvor wollten den zweiten Teil von Bachs sämtlichen Violinsonaten hören: Wohl ein weiteres Indiz dafür, dass sich weniger gutes Wetter zumindest im Sommer positiv auf die Besucherzahlen auswirkt. Beide Abende aber waren geprägt von außerordentlicher Musik, die mit stilistischer Sicherheit dargeboten wurde.

Gewiss, es waren diesmal keine „Perlen der Klassik“, sondern des Barock, die innerhalb der „Klassiktage Bodensee“ zu bestaunen waren; doch selten versprühten die soviel musikalischen Glanz und interpretatorische Selbstverständlichkeit, wie das jetzt mit dem Bach-Zyklus geschehen ist. Dabei werden sich vor allem die Erstbesucher des Gewölbesaals gewundert haben, dass das parallel verlaufende, ziemlich lautstarke „Konzert“ der zahlreichen Heim-Vögel, die ihren Käfig unmittelbar vor diesem Konzertraum haben, mittlerweile als Selbstverständlichkeit hingenommen zu werden scheint – für konzentrierte Zuhörer, die gerade ein solches Konzert erfordert, mag dieses akustische Beiwerk jedoch gewöhnungsbedürftig sein.

Die beiden Künstler indes haben sich davon überhaupt nicht beeinflussen oder gar ablenken lassen. Marianne Boettcher verlieh dem reinen Klang ihrer Violine Eleganz und eine bewunderungswürdige Selbstverständlichkeit, die den Blick auf die virtuose Gestaltung dieser ungemein gehaltvollen Musik immer frei hielt. Fast unangestrengt wirkte ihr Spiel, mit dem sie den Zuschauer geradezu einlud, ihr durch die oftmals komplexe Struktur dieser so unterschiedlichen Sonaten zu folgen: Sie hat die Kunst, einfach zu wirken und dabei Unerhörtes zu zelebrieren, zur Vollendung gebracht.

Armin Thalheim, einer der renommiertesten Cembalisten, war ihr dabei ein gleichwertiger Partner, der durch sein intuitives Zusammenspiel, und seinen leichten, fast federnden Ton aufs Beste mit seiner Partnerin harmonisierte. Herrliche Momente stellten sich vor allem in den zahlreichen langsamen Sätzen ein, wo die erhabene Akustik des Gewölbesaals, der noble Ton der Geige und das fein differenzierte Cembalospiel eine berückend schöne Einheit bildeten.

Es hat den Bedingungen des Saales, aber auch der Bedeutung dieser so unterschiedlichen und charaktervollen Sonaten gut getan, diese behutsam, fast unaufdringlich darzustellen. Die Größe dieser Musik und der Farbenreichtum der einzelnen Sätze, denen künstlerische Eitelkeiten allenfalls im Wege stünden, traten dafür umso mehr ins Bewusstsein. Der begeisterte Beifall schien auch das honoriert zu haben.