Senioren-WG steckt voller Lust und Last
Ist es die Zugkraft von Edith Hancke gewesen oder das Bedürfnis, wieder einmal eine Komödie zu sehen? Jedenfalls sind eine ganze Menge Leute ins Stadttheater gekommen, die das Treiben in einer Senioren-Wohngemeinschaft in dem Stück „Herbstzeitlose“ beobachten wollten.
Zugegeben, es bedurfte schon einer ziemlich langen Einleitungsphase, die sämtliche Merkmale und Vorurteile in Erinnerung rief, mit denen man das Älterwerden verbindet: jede Menge Tabletten, Seniorengymnastik, dritte Zähne und den Umgang mit der eigenen „Gesichtsbaracke.“ Doch dem Autor und Schauspieler Andreas Fritjof ist es gelungen, diese Dialoge auf Spritzigkeit und Wortwitz zu trimmen. Auf diese Weise versetzte er das Publikum schon früh in Komödienlaune.
Mit dem Ehepaar Edith Hancke und Klaus Sonnenschein standen dem Regisseur allerdings gestandene Vollblutschauspieler zur Verfügung, denen „Herbstzeitlose“ – so der Name des Stückes – geradezu auf den Leib geschrieben schien. Nicht anders war der Eindruck bei Gerhard Friedrich und Karyn von Ostholt, denen weder äußerlich noch vom Spieltemperament her anzusehen war, dass sie allmählich dabei sind, die altersmäßige 60er-Zone zu verlassen.
Die demographische Entwicklung zu Gunsten einer oft agilen Seniorenschaft schlägt sich ja immer häufiger in Theaterstücken nieder, welche diesen Umstand berücksichtigen – und sie kommt erfreulicherweise vielen erfahrenen Schauspielern zugute, deren Rollenausbeute sonst geringer wäre.
In Komödien freilich neigt sich die Behandlung solch altersbedingter Themen gerne dem Lächerlich-Machen zu, und auch „Herbstzeitlose“ war nicht frei davon. Erfahrene Schauspieler – und das war die Stärke dieser Inszenierung – haben, Gott-sei-Dank, ein feines Gespür dafür, wo sie diesen Textvorgaben mit lustvoller Übertreibung oder doch lieber mit differenziertem Spiel begegnen.
Sogar ein kleiner Krimi ist dabei
Als etwa Gerhard Friedrich alias Alexander seine erste Begegnung mit Mimi schilderte, so war das nebenbei eine glaubwürdige Demonstration dafür, dass sich ältere Menschen durchaus nochmals heftig verlieben, ja sogar körperliche Wonnen herbeisehnen, die sich dann tatsächlich erfüllen. Dass dabei medizinische Hilfsmittel zur Potenzsteigerung bei Alt und Jung dem gleichen gesellschaftlichen Spott ausgesetzt sind, weiß man, und davon hat natürlich auch diese Komödie profitiert. Dies umso mehr, als die übermäßige Anwendung solcher Mittel in diesem Stück einen Todesfall produziert hat und somit dafür verantwortlich war, es kurzfristig in einen netten Kriminalfall zu verwandeln. In einer Komödie lauten die letzten Worte des in wilder Lust Verblichenen dann „Oh mein Gott, ich komme!“. Geistvolle Zweideutigkeiten wie diese blitzten während des ganzen Stückes auf und haben den Akteuren eine Menge Lacher beschert. Als typisches Beispiel für das Leben in einer Senioren-WG mag „Herbstzeitlose“ vielleicht nicht geeignet sein.
Dass es dort aber durchaus lustig zugehen kann und der Unterschied zwischen Männlein und Weiblein im Alter nicht verwischt zu werden braucht – dafür kann eine gut gemachte Komödie durchaus den Nachweis bringen.
Und darüber darf auch so herzlich gelacht und so viel applaudiert werden, wie das jetzt der Fall war.