Stück entpuppt sich als Wechselbad der Gefühle
Der so harmlos angekündigte „Briefwechsel über die Liebe“ von A.R Gurney entpuppte sich als packendes Beziehungsstück – ein Wechselbad der Gefühle.
Bis zu ihrem Ende, das der Alkohol gnädig beschleunigt hat, war sich Melissa sicher: „Die Schreiberei hat alles versaut.“ Diese von Andy geradezu zelebrierte Form der Mitteilung stand lange in krassem Gegensatz zu ihrem Wunsch, sich doch lieber unmittelbar zu treffen, wenigstens zu telefonieren, statt sich meist „nur“ über Briefe auszutauschen. Die Umstände jedoch waren nicht danach, der Beginn ihrer Beziehung im Schüleralter – und das im Jahr 1937 – schon gar nicht. Und so verfolgen sich ihre Briefe in die unmöglichsten Städte, Schulen, Internate und Lebenssituationen, immer seltener unterbrochen von tatsächlichen Begegnungen. Und das wird anhalten, zwei schwierige Leben lang. Versaut das ihre, die zwar vermögend, in späteren Jahren jedoch allzu treu vom Alkohol statt von Partnern begleitet war.
Beruflich erfolgreich das seine, dessen vordergründiges Familienglück jedoch immer deutlicher macht, wie sehr er einer starken Persönlichkeit wie der Melissas bedarf, um Gefühle zu entdecken, die „er selbst nicht einmal anzuspechen gewagt hätte“. Im letzten Brief an die Mutter der toten Freundin wird er schließlich zum erstenmal erkennen, Melissa geliebt zu haben.
Elisabeth Gessau und Detlev Moreau gelingt es in ihrer Darstellung, auf überzeugende Weise deutlich zu machen, was Melissa und Andy aneinander fasziniert, was ihre lebenslange Freundschaft am Leben erhält – aber auch, daß ein gedeihliches Zusammenleben wohl kaum vorstellbar gewesen wäre.
Der Werdegang Melissas von der selbtbewußten, etwas zickigen Göre, die Andys Vater zurecht als „anstrengend“ empfindet, ihr gleichzeitiger Drang nach Unabhängigkeit und Anerkennung, aber auch ihre wachsenden Probleme mit dem Alkohol, dem schon die Mutter verfallen war – all das erhält in Gessaus Spiel große Glaubwürdigkeit; ihre Fähigkeit, die Entwicklung ihrer Rolle klug zu disponieren, wird spürbar im allmählichen Scheitern als Mutter und Ehefrau, am Ende sogar als Künstlerin; ihre zunehmende Vereinsamung, ihre wieder erwachende, so vergebliche Hoffnung auf Andy, der es mittlerweile zum Senator gebracht hat, erhält eine tragische Dimension.
In nichts steht ihr dabei Detlev Moreau nach – auch er befindet sich jederzeit auf der jeweiligen Höhe ihrer Korrespondenz. Da ist zunächst das anfängliche Geplänkel um die Person, die seine Mutter „eine gute Partie“ nennt, seine Unbeholfenheit, mit ihrer Unbekümmertheit und Direktheit umzugehen, der große Einfluß seines Übervaters – bis hin zu seiner religiösen Haltung („ich kann mir nicht vorstellen, daß man gleichzeitig intelligent und katholisch ist“); dann seine einsetzende Karriere mit all den damit verbundenen Zugeständnissen. Moreau verkörpert alle Stationen mit großer Souveränität.
Wie er gegen Ende an der Unbehaglichkeit häuslicher und beruflicher Zwänge leidet und dann tatsächlich einige heimliche Ausbrüche zu Melissa wagt, um schließlich doch deren Aussichtlosigkeit zu erkennen – hat schauspielerische Klasse. Ihre ergreifende, manchmal beklemme Darstellung läßt am Ende vergessen, daß die beiden im Grunde nichts andres taten – als Briefe vorzulesen. Briefe, deren zeitlicher Fortgang im häufiger durch „fröhliche Weihnachtswünsche“ beschleunigt wurde, die so auch zum Ausdruck gelegentlicher Sprachlosigkeit wurden. Briefe, die jedoch immer wieder aufflamen und für Melissa lange zur Überlebshilfe wurden; Briefe, geschrieben daß der Tod sie schied…
Herzlicher Beifall für eine eindrucksvolle Darstellung!