Grenze zum Überspannten häufig überschritten
Das gewöhnungsbedürftige Inszenierungskonzept des „Theater Greve“ hat die Frage aufgeworfen, wie nah uns Dürrenmatt heute noch ist. Eine befriedigende Antwort darauf ist es uns allerdings schuldig geblieben.
Finden wir uns damit ab: Männer über 80 sind nach Greve ganz entschieden sonderbar. Und wenn sich die im früheren Leben auch noch der Juristerei hingaben, lohnt sich allemal ein Blick auf das, was sie unter „Herrenabend“ verstehen; denn weil das mit der Gerechtigkeit immer schon so eine Sache war, spielt man mit ankommenden Gästen am liebsten „Gericht“. Am Ende findet sich ja meist doch eine Tat, die eine „Verurteilung“ rechtfertigt: ein geistreiches Spiel unter klugen Köpfen also und ein vergnüglicher Anschauungsunterricht für Dialektiker obendrein.
Bei Dürrenmatt kommt es aber zu jener „Panne“, die dem Stück auch seinen Namen gegeben hat: Ein zufällig wegen einer (Auto-)Panne Ankommender wird bei diesem „Spiel“ zum Tode verurteilt; dem jedoch gefällt der so brillant vorgetragene Gedanke so gut, am geschickt herbeigeführten Tod seines beruflichen Hauptkonkurrenten schuldig zu sein, daß er – trunken von seiner plötzlichen Bedeutung, geradezu darauf besteht, dass dieses Urteil auch vollzogen wird. So weit aber – versteht sich – gehen die vornehmen Herren natürlich nicht. Alfredo Trabs, so heißt der Unglückliche, bringt sich daher selbst um.
Thomas Höhne gibt diesen Generalvertreter für Textilien überzeugend; nebenbei entwickelt er ein herrliches, gleichmäßiges Crescendo zum Thema Trunkenheit, das er beherzt, aber nicht übertrieben ausspielt.
Denn getrunken und auf irgendetwas angestoßen wird in diesem Stück ausgiebig, und es sind die edelsten Weinsorten, mit denen Dürrenmatt unsere Gaumen kitzelt. Somit wird klar: Die Herrschaften trinken, debattieren und verurteilen mit Stil, und nur beinahe hätte dieser kleine, tödliche Zwischenfall ihren Herrenabend verdorben.
Rituale einer Männerrunde
Vor allem im ersten Teil dieser Kriminalkomödie verschwendet Manfred Greve – Regisseur und Richter in einem – viel Zeit damit, um die zahlreichen Rituale dieser Männerrunde auszuspielen und ihrem intellektuellen Spieltrieb ein möglichst großzügiges Betätigungsfeld zu bereiten. Die Grenze zum Überspannten wird dabei häufig überschritten, und die vermeintlich „klassische Theatersprache“ wird gerade von Greve arg strapaziert. Überdies wird man das Gefühl lange nicht los, ein bisschen auf der Stelle zu treten. So verpuffen irgendwann auch die hübschesten Gags, die Greve dazwischen gestreut hat, da sie das Stück nicht verflüssigen, sondern immer wieder ausbremsen. Erst im zweiten Teil gewinnt das Ensemble an Fahrt und findet eine Balance zwischen lebendigem Spiel und Dürrenmatts kluger Dialektik. Dafür hatten manche der überaus zahlreichen Zuschauer allerdings keine Geduld mehr und machten sich in der Pause davon. Der Rest musste unterdessen überlegen, ob ihm der gehaltvolle Inhalt von Dürrenmatts Komödie und die tadellosen Leistungen der meisten Darsteller in einer anderen Verpackung nicht lieber gewesen wäre.