Hamlet (Bearbeitung)

Grausames Spiel zwischen Macht und Mord

Innerhalb der augenblicklichen Veranstaltungsreihe „Zinnober“, die mit der Kreisjugendpflege initiiert wurde, gastierte am Dienstag das „Spielwerk Walkertshofen“ mit Hamlet. Nach knapp einer Stunde hatten die drei Darsteller alle Leichen im „Keller“ – wie der jetzt gastgebende Club Vaudeville sich einst nannte.

Shakespeare auf ein leicht konsumierbares Zeitmaß zu reduzieren, ist so neu nicht. Doch manches seiner Dramen erhält in dieser Häppchen-Ausgabe zumindest die Chance, gerade auch Jüngere neugierig zu machen. Wenn dann noch eine eigenständige Inszenierung herauskommt, hat Theater schon ein paar seiner Aufgaben erfüllt.

Diese Hamlet-Bearbeitung ist ein Gemeinschaftsprodukt zwischen Spielwerk und dem italienischen Regisseur Claudio Raimondo. Knapp und wirkungsvoll wird dem Original sein Kern entnommen, um ihn nun zu einem eigenständigen Kurzdrama zu erklären: zum ewigen Kampf zwischen Generationen, zum grausamen Spiel zwischen Mord, Macht und misslungenem Neuaufbruch. Ganze drei Darsteller teilen sich dabei sowohl die Abteilung Jugend, zu der Hamlet, Ophelia und Laertes gehören, als auch die durch Politik und Ehrgeiz verdorbene Elterngeneration von Claudius, Gertrude und Pollonius. Annerose Schreiner, als Ophelia und Gertrude beschäftigt, bringt mit kräftiger Stimme und vitalem Spiel viel Farbe ins düstere Geschehen. Bisweilen knapp davor, allzu dick aufzutragen, versteht sie es aber glänzend, dem jeweiligen Befinden dieser beiden großen Theaterfiguren Anschaulichkeit und Lebendigkeit zu Verleihen. Spielwerk kommt fast ohne Requisiten aus und das meiste, was an Briefen, Blumen und ähnlichem benötigt wird, verschwindet irgendwann im Ausschnitt ihres verlockenden Mehrzweckkleides, das locker die Anforderungen an Trauer, Zorn und Verführung besteht.

Auch Jörg Schur und Stephan Eichl wechseln sicher zwischen den männlichen Rollen. So muss sich der eine nicht nur an der schlechten Laune und der depressiven Haltung dieses Hamlets abarbeiten, sondern kann in den eingeschobenen Slapstick-Szenen auch andere Facetten seines schauspielerischen Talentes ausleben. Diese und andere Teile des aufgepeppten Dramas werden gelegentlich von wüsten Geräuschen oder anheimelnden Musikstücken durchsetzt, die an rechter Stelle das tänzerische Vermögen der drei Akteure veranschaulichen. Insbesondere die Bewegungsorgie zwischen Hamlet und Ophelia, wo sich die beiden gleißenden Metallstühle wie Gitterstäbe vor dem Gefängnis ihres Schicksals auftun, ist von eindrucksvoller Wirkung und erfolgt nicht ohne akrobatisches Geschick. Denn auch in dieser Fassung nimmt selbstverständlich alles seinen bekannten Lauf, der Totentanz beginnt und wird schließlich zu Hamlets Schrei „Götter, ich hasse euch!“ führen. Jörg Schur tut das eindringlich und ehe man sich versieht, gehört auch er zur hingemordeten Gesellschaft.

Gewiss hat das nicht die gleiche Wirkung wie etwa ein gut gespieltes Original. Doch als kreativ umgesetzte und engagiert dargebotene Variante hat das „Spielwerk Walkertshofen“ vielleicht mehr neue Zuschauer zu Shakespeare gebracht, als dies einer „klassischen“ Aufführung gelungen wäre. Dort allerdings hätte man sich wenigstens den Dauerblitzer mit seinem lautstarken Fotoapparat erspart.