Grandioser Abschluss der Saison
Theaterfreunde wird bei der Ankündigung des „Faust“ ähnliche Skepsis beschlichen haben wie etwa Musikfreunde, wenn „Aida“ in Lindau gegeben würde. Weit gefehlt: die Aufführung der Landesbühne Sachsen-Anhalt wurde zum umjubelten Saisonfinale und hat gezeigt, wie sehr eine Stadt davon profitieren kann, wenn sie sich „nur“ Tourneebühnen leisten kann.
So viel vorweg: Auch dieses Stück hatte seinen „Star.“ Der aber bezog diesen Status nicht aus irgendeiner Fernsehserie und der entsprechenden Neugier, die das Publikum dann auf seine Bühnentauglichkeit hat, sondern aus seiner hinreißenden Darstellung des Mephisto. Sein Name: Susanne Bard. Eine Frau für diese schillernde Bühnenfigur? Regisseurin Martina Bode hat auf diese Variante gesetzt. Ergebnis: Die Mephisto-Faust-Beziehung wurde dadurch um wichtige Facetten erweitert, die sich der üblichen – also „geschlechtslosen“ – Darstellung des prominenten Höllenvertreters sonst entziehen.
Dass ihr mit Susanne Bard eine sprachlich überragende Schauspielerin zur Verfügung stand, die vor Spielwitz, klug eingesetzter Erotik und darstellerischer Fantasie nur so sprühte, hat die temporeiche Inszenierung zu einem Glücksfall gemacht und den Lindauern einen weiteren Saisonhöhepunkt beschert.
Für die meisten verbindet sich mit Goethes „Faust“ der Gipfel deutscher Theaterliteratur, in welcher der ganze Kosmos zwischen Himmel, Erde und der Hölle durchschritten wird. Für jeden Regisseur indes, der sich dieses Werk vornimmt, geht es auch um die banale Frage: Wie halte ich es beispielsweise mit den Tricks in „Auerbachs Keller“, wie mit der „Walpurgisnacht“ – und wie mit den sprachlichen und körperlichen Deftigkeiten beim Hexensabbat?
Beifall für technische Effekte
Martina Bode hat diese Elemente, die ja wesentlich zur immensen Bühnenwirksamkeit des „Faust“ beitragen, allesamt beibehalten und souverän umgesetzt: Der Wein strömt aus dem Wirtshaustisch, schaurig geht’s zu bei der Walpurgisnacht, wollüstig, ordinär und scheinbar nackt gebärden sich die Hexen, und auch Gottes Stimme profitiert von der hervorragenden Technik und den Möglichkeiten der Videotechnik auf der rückwärtigen Leinwand.
Das hatte bei aller inhaltlichen Dramatik einen hohen Unterhaltungswert, der in dieser Verbindung gerade bei den vielen jugendlichen Besuchern zu hoher Aufmerksamkeit, aber auch spontanen Beifallskundgebungen führte. Diese Jugendlichen waren es im Übrigen, die mit dazu beigetragen haben, dass die Veranstaltung schon seit mehr als einer Woche ausverkauft war.
So ist es ein Verdienst dieser Inszenierung, dass es ihr gelungen ist, den Gedanken-Reichtum von Goethes Bühnendichtung mit seinem immensen Zitatenschatz in ein flüssiges Theaterstück zu verwandeln. Ohne anbiederisch mit dem Zeitgeschmack zu flirten, spielt es dabei mit vielerlei ironischen Elementen, die Fausts Tragödie umso deutlicher hervorheben: Einen überzeugenderen und besseren Saisonabschluss hätten sich die Verantwortlichen kaum wünschen können.