Grandiose Musik – Großartige Leistung

LINDAU – Wenn eine Kleinstadt das musikalische Potential hat, um innerhalb von vier Wochen gleich zwei so gewaltige Tonschöpfungen wie „Die Schöpfung“ und jetzt „Ein deutsches Requiem“ in packende Aufführungen zu verwandeln, dann darf man als staunender Zuhörer durchaus stolz darauf sein – und dankbar dafür, dass der Unterschied zwischen einem „Event“ und einer kulturellen Großtat wieder einmal so deutlich wurde.

Man durfte gespannt sein, auf welchen musikalischen Weg Lutz Nollert die rund 160 Mitwirkenden führen würde. Denn erstmals war der Kammerchor Lindau um den Vorarlberger Madrigalchor verstärkt, der zusammen mit dem überwiegend jugendlichen „Collegium Instrumentale Dornbirn“ von seinem Leiter Guntram Simma einstudiert worden war. Der will dann nächstes Jahr in gleicher Besetzung in Dornbirn auftreten.

Nach vierzehn Jahren also wieder einmal „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms in der Stephanskirche. Mit ihm auch jenes Werk, wo der Chor mehr als in vielen anderen Messen brillieren kann: Eine Herausforderung, die der (verstärkte) Kammerchor auf imponierende Weise angenommen hat.

Noch hat er zusammen mit den Geigen und Klarinetten, den Trompeten und Pauken geschwiegen, als das tief timbrierte, noch nicht ganz ausbalancierte Orchester auf die verheißungsvolle Kernaussage dieses Requiems zusteuerte: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Spannungsgeladen, mit romantisch-sattem Ton und einer seit langem nicht mehr so rundum überzeugenden Ausgeglichenheit zwischen Frauen- und Männerstimmen haben Lutz Nollert und sein Chor mit diesem ersten von sieben Teilen begonnen und bereits hier den kurzen Mittelteil genutzt, um eine Probe seiner Ausdrucksmöglichkeiten zu geben.

Dann der Totenmarsch: In unerbitterlichem Rhythmus breitete das Orchester seinen fahlen Klangteppich aus, der vom Chor souverän beschritten wurde und an der Stelle „Das Gras ist verdorret“, noch mehr bei „So seid nun geduldig“ mit berückendem Klangsinn hinter sich gelassen wurde. Der bewegte Mittelteil wurde kraftvoll gemeistert, wenngleich man die kurzzeitige Dominanz der Trompeten eher den Streichern gewünscht hätte, die dem Chor während der „ewigen Freude“ ja so kunstvolle Figuren beimischen.

Im dritten Satz erklang dann erstmals der melancholische Schmelz des Baritons Thomas Ogilvie, der sich wieder einmal als ideale Besetzung für die flehende Leidenschaft dieser Passage erwies. Die Frage „Nun Herr, wes soll ich mich trösten“ ließ der Chor bang im Raum stehen, um sich anschließend an die monumentale Chorfuge zu machen: Pauken und Bässe hatten viel zu tun, um die Macht des Orgelpunktes gegenüber den machtvoll agierenden Stimmen wirksam werden zu lassen. Von dieser Stimmung hat sich der schon fast idyllische Mittelteil – „Wie lieblich sind deine Wohnungen“ – gelöst.

Beim (nachkomponierten) fünften Teil aber schien die tröstlichen Verlautbarungen des Chores besonders die Sopranistin nötig zu haben: Birgit Plankel – sonst immer ein besonderer Höhepunkt jeder Aufführung – war diesmal innerhalb der zu dominanten Orchesterstimmen kaum zu hören und konnte deshalb nur gelegentlich den gewohnten Zauber ihrer Stimme entfalten; daran konnte auch der Chor nichts mehr ändern, der sichtlich um eine „liebevollere“ Einbettung dieser schönen Stimme bemüht war.

Wieder einmal stellte sich das nachbarliche 6 Uhr-Läuten ausladend zwischen die Musik, diesmal zwischen diesen und den vorletzten Satz, der aber dann umso entschiedener zum dramatischen Höhepunkt dieses Werkes wurde. Vom dumpfen Beginn über die verheißungsvollen Ankündigungen bis zum schnellen Teil „Denn es wird eine Posaune erklingen“ entwickelte der Chor sängerischen Schwung und dank Lutz Nollerts engagierter Vorgaben eine Gestaltungskraft sondergleichen, was im ansonsten zuverlässigen Orchesterapparat nicht immer seine Entsprechung fand. Lediglich die Lobgesang-Doppelfuge „Herr, du bist würdig“ hat man sängerisch schon entschiedener und in dramatischerem Zusammenspiel mit dem Orchester gehört – was seiner grandiosen Wirkung auf die vollbesetzte Kirche aber keinerlei Abbruch tat.

Dann endlich schloss sich der Kreis mit dem geradezu weihevoll gesungenen „Selig sind die Toten.“ Kein „Zorn Gottes“, kein Erlösungstod, nicht einmal der Name Jesu wird in dieser siebenteiligen „Trost-Kantate“ erwähnt; Brahms hat seine Texte nach eigener Vorstellung zusammengestellt und mit diesem „Deutschen Requiem“ eine grandiose Trauermusik geschaffen, die den Blick auf die Trostbedürftigkeit von Hinterbliebenen richtet.

Lutz Nollert ist es mit seinen Mitwirkenden gelungen, diesen musikhistorisch andersartigen Requiem-Ansatz klanglich imponierend umzusetzen. Damit hat nun nach dem Münsterchor auch der Kammerchor seine Leistungsfähigkeit erneut unter Beweis gestellt.