Eine wahrlich „unerhörte“ Leistung
So hat eine recht erfreuliche Theatersaison noch ein starkes Finale gefunden: „Gottes vergessene Kinder“ wurde nicht nur zum Plädoyer für die Gebärdensprache der Gehörlosen, sondern auch zu einem Beispiel dafür, wie eindringlich Theater sein kann.
Da war nichts zum Zurücklehnen, nichts, um erwartungsfroh auf gut gemachte Unterhaltung zu setzen. Diese Auseinandersetzung mit Unbequemem und so gerne Ausgeblendetem erzeugte zunächst Unbehagen und Beklemmung, gewiss aber auch Neugierde; doch ehe man sich versah, wurde man von der fremden Thematik erfasst und um wertvolle Erfahrungen reicher.
Wieviel Normabweichung, wieviel Anderssein verträgt eine Beziehung?
Der Freudsche Hang, solange an „Fehlentwicklungen“ herumzudoktern, bis eine gesellschaftskompatible Persönlichkeit herauskommt, findet auch in Mark Medoffs Stück reichlich Nahrung: Mit allen Mitteln, die dem Gehörlosenlehrer James Leeds zur Verfügung stehen, versucht dieser, der tauben – und damit aus seiner Sicht behinderten – Sarah Norman die Lautsprache der Hörenden und das Lippenablesen beizubringen.
Die Fragwürdigkeit solcher Bemühungen äußert sich in den schwer verständlichen, von Fratzen begleiteten Lautgebilden von Orin und dem eingeschränkten Wortschatz von Lydia, den beiden Vorzeigekandidaten aus Leeds Sprechunterricht. Sebastian Dunkelberg und die wandlungsfähige Ines Schulze haben mit erstaunlicher Konsequenz und einer fast beängstigenden Authentizität Spielkapital aus diesen Rollen geschlagen. Sarah Norman indes setzt den kümmerlichen Erfolgen dieser Lehrmethode die ganze Faszination und Ästhetik der Gebärdensprache entgegen, die sie für das einzig angemessene Verständigungsmittel unter ihresgleichen hält. Was Marion Kraft aus dieser stummen, aber ungemein vielfarbigen Rolle macht, beeindruckt und nötigt zugleich großen Respekt ab. Es leuchtet ein, wenn sie nach ihren eigenen Worten „für die textlose Vorbereitung dieser Rolle mehr Zeit zum Einstudieren brauchte als für die üblichen klassischen Sprechrollen“.
Es galt nicht nur, die Grundkenntnisse dieser merkwürdig anziehenden Verständigungsform zu erlernen, sondern den Kampf einer selbstbewußten Frau um Akzeptanz ihres Andersseins darzustellen. Vor eindrucksvoller Bühnenhöhe und einem Steg, der dem Gehörgang nachgebildet scheint, schafft es Marion Kracht in Kürze, Partei für ihre Position zu nehmen. Eine wahrlich „unerhörte“ Leistung, immer wieder durchdrungen von wallenden, an Filmmusik erinnernde Töne, und einer groß angelegten Ansprache ans Publikum in Gebärdensprache, die den Raum wie eine Konzertkadenz erfüllt. Thomas Weber-Schallauer steht ihr an Eindringlichkeit und glaubhaftem Ringen um die Lehrmethode des James Leeds in Nichts nach. Die Leidenschaft, mit der er versucht, Töne und Musik zu erklären und die erwähnte „Rede“ von Marion Kracht haben vielleicht am eindringlichsten beschrieben, dass sich der Raum zur Seele des anderen zwar betrachten, aber niemals durchdringen läßt. Seine Doppelleistung, nämlich die Gebärdensprache nicht nur zu sprechen, sondern auch zu übersetzen, kann gar nicht hoch genug gewürdigt werden.
Der Applaus galt somit nicht nur einem ungewöhnlichen und mutigen Theaterstück, sondern vor allem dem Können seiner Darsteller. Auch der scheidende OB wird bei seinem letzten Theaterbesuch als Amtsinhaber wohl festgestellt haben, dass mancher Schatz seiner vielgeliebten Heimatstadt nicht nur mühsam hinter leidigen Baustellen hervorgeholt werden muss, sondern oft unerwartet auf der Bühne des Stadttheaters gehoben werden kann.