Ghetto (Joshua Sobol)

Nicht nur Unterhaltung

Ein starkes Stück. Das mochte wohl auch jene Besucherin gedacht haben, die sich seiner beklemmenden Direktheit offenbar nicht aussetzen wollte und lautstark den Saal verließ. Ein Ausweg, den sich die damaligen Bewohner im „Ghetto“ wohl auch gewünscht hätten.

Zahlreich sind die Ehrungen, die Joshua Sobols Schauspiel zuteil wurden, oft missverstanden seine Absicht, die lebenswerten Momente des grausamen Ghetto-Alltags darzustellen. Mit authentischem Material entstand darüber hinaus ein ergreifendes Plädoyer für die sinnstiftende Kraft von Kunst.

Ein Aufgebot von mehr als 20 Schauspielern hatte das Stadttheater lange nicht mehr gesehen, schon gar nicht mit einer solchen Ansammlung guter Artisten und Musiker. Es galt, den Überlebenskampf der eingesperrten, von unmittelbarer Todesangst bedrohten Künstler spürbar zu machen, die ihr scheinbares Privileg allein den Musikmarotten eines unberechenbaren SS-Offiziers zu verdanken hatten.

Oliver Brod spielt die Allmacht dieser Spezies mit einer beängstigenden Mischung aus Musikliebe und permanenten Drohgebärden. Mit Sigalit Feig steht ihm als jüdische Sängerin Chaja, die ihn entgegen seiner Gesinnung mehr als nur fasziniert hatte, eine Darstellerin mit ausdrucksstarker Stimme und verwirrender Erotik gegenüber.

Nach ihrer Flucht zögert er nicht, nun den Rest der Truppe zu erschießen. Dieses zwischenmenschliche Drama allerdings hätte noch größere schauspielerische Zuwendung verdient. An die Problematik von Schindlers Liste erinnert die Rolle, die Helmut Potthoff als jüdischer Ghettochef Gens zu erfüllen hat.

Seine grausame Pflicht ist es, die geforderte Exekutionsquote durch Selektion innerhalb der jüdischen Bevölkerung zu treffen; diese perfide Methode, die Opfer auch noch zu Mittätern zu machen, erzielt in Pothoffs Darstellung beklemmenden Ausdruck. Ohne die Leistungen anderer schmälern zu wollen, beeindruckten besonders Andreas Pegler und Anne Doemens, die als bauchrednernder Puppenspieler und Puppe eine faszinierende Vorstellung gaben: Nur diese Puppe konnte sich all die entlarvenden Bemerkungen leisten, die für andere den Tod bedeutet hätten.

Die Inszenierung von Manfred Langner schaffte den Wechsel von zermürbendem Ghettoalltag, permanenter Todesangst und kulturellen Höhepunkten mit sicherer Hand. Dass dies gelegentlich zu schockartigen Szenen wie beim Erhängen dreier Menschen oder der Exekution am Ende führte, war dabei Teil dieser Verdichtung. Das Stück führte schmerzlich vor Augen, wie relativ Schuldzuweisungen sind. Eine weitere Stärke: Die besondere Rolle der Musik und der künstlerischen Betätigung für die jüdische Bevölkerung. Einen gewichtigen Theaterabend lang wurde klar, was bereits zu Beginn formuliert wurde: „Es ist nicht unsere Aufgabe, nur zu unterhalten.“