Germanisch-depressiv

Ein Glück, daß dieses Kabarett nicht im Stadttheater geplant war: rund fünf Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörer fanden sich ein, etwas mager für den Club, und zu wenig für Lutz von Rosenberg Lipinsky. Nistet sich etwa der abwesende Teil von Kabarettliebhabern mittlerweile doch ganz gerne im Theater ein? „Germanisch-depressiv“ war die Parole, und daß es ein gruppentherapeutisches Experiment werden könnte, unterstrich gleich der Beginn: gerade so, wie man sich die gegenseitige Vorstellung innerhalb solcher Gruppen denkt, forderte er gekonnt dazu auf, sich zu outen, nahm – mutig genug -, die Aufteilung in drei Gruppen vor, um allmählich der kalkulierten Erkenntnis, wohl alles selbst machen zu müssen, nachzukommen.

Kaum reichten die veranschlagten beiden Stunden aus, um seine üppige Auswahl typisch-deutscher Verhaltensweisen vorzuführen. Rosenberg Lipinskys ausgeprägte Gabe, dem Sinn und der Verwandelbarkeit deutschen Sprachguts nachzuspüren, erlaubt ihm, einen erheblichen Teil seines Programms mit wirkungsvollen Wortspielen zu bestreiten, ohne dabei vor Pointen und Aussagen der einfacheren Art haltzumachen.

Vom Leben im allgemeinen war da die Rede („der Deutsche lebt es nicht, er läßt es vergehen“), des Mannes externes Geschlechtsorgan – sein Auto nämlich – ward zum Gespött, und nicht einmal die nun bald 50-jährigen Vollwertkost-Esser wurden verschont: „irgendwie schauen die jetzt doch alle wie Sch. aus, finden Sie nicht?“

Lutz von Rosenberg Lipinsky läßt kaum einen Lebensbereich für seine frustrierende Diagnose deutscher Lebenshaltung aus; Erfrischendes gelingt ihm in der Gegenüberstellung seines nicht ganz freiweilligen Single-Daseins zu den meisten „Beziehungskisten“ (bei denen es sich letztlich um Betten handelt, die eben immer wieder neu überzogen werden müßten), Provokantes, wenn er über manche politische Bezeichnungen nachdenkt : Mitteldeutscher Rundfunk etwa, oder Vorpommern, Formulierungen also, die aufgrund der geographischen Lage Polens dort allen Grund zur Unbehaglichkeit liefern. Geradezu blasphemisch wird der kurze religiöse Teil, wo Lutz von Rosenberg Lipinsky einen deutlichen Glaubensunterschied zwischen katholisch, christlich und bayrisch diagnostiziert.

Sein Schlußteil offenbart, daß von Rosenberg Lipinsky über ein weit größeres schauspielerisches Talent verfügt, als er das im ersten Teil preisgab – sein Auftritt in der Zwangsjacke mit einer beklemmenden Dialog-Suggestion, aber auch sein virtuoser Zugaben-Rap waren da beredtes Zeugnis. Trotzdem: in die hochklassige Reihe der Kabarett-Aufführungen, die teils im Theater, teils im Club stattfanden, reiht sich dieser Abend problemlos ein: weiter so!