LINDAU – „Deutschland helfen – aber wie?“: Manch einer wird angesichts der Lösungsvorschläge, die Georg Schramm im voll besetzten Stadttheater bereithielt, geschluckt haben. Bissiger jedenfalls macht das im deutschen Kabarett keiner. Und intelligenter wahrscheinlich auch nicht.
Der beinahe bedrohliche Wechsel von einer Bühnenfigur zur nächsten nach dem Prinzip Georg Schramm geht so: Da lässt einem noch eben der Zynismus des strammen Oberstleutnant Sanftleben das Lachen erstarren, ehe man sich Sekunden später über die sprachliche Unbeholfenheit des hessischen Alt-SPD-lers August amüsiert – oft noch, bevor man die Wutausbrüche des übellaunigen Rentners Dombrowski verdauen konnte, die man ja vom „Scheibenwischer“ her kennt.
Beim aktuellen Programm namens „Thomas Bernhard hätte geschossen“ wird das Ganze dadurch auf die Spitze getrieben, dass Schramm als sympathischer Motivationstrainer zunächst für eine ganz simple Lösung der deutschen Probleme wirbt: Man steigere die Lebensqualität junger Arbeitsloser dadurch, dass sie ab sofort – und zwar 30 Jahre lang! – 1600 Euro pro Monat bekommen, um endlich am erforderlichen Konsumverhalten teilnehmen zu können; das koste keinen Cent mehr und habe allenfalls den rechnerischen Schönheitsfehler, dass danach keine Rendite mehr zu erwarten sei („totes Humankapital“) – irgendwie müsste also noch das sozial- verträgliche Frühableben organisiert werden… Diese schaurige Konsequenz bezog sich eben auf den philosophischen Teil des Abends, den der Ausnahmekabarettist unter die Überschrift „Die schöpferische Kraft der Zerstörung, die dem Kapital innewohnt“ gestellt hat.
Schramm seziert mit wütender Hingabe die beängstigende Entwicklung in vielen Bereichen, beklagt den „Niedergang unserer Kulturnation“, wird rasend angesichts bekannter Praktiken in der Pharmaindustrie, wettert subtil gegen die USA und gießt schließlich Ol ins gegenwärtige Feuer, das die Ärztestreiks erzeugt haben: „Jeder Arzt weiß doch, dass man sich sechs Jahre lang ausplündern lassen muss, um danach selbst mitplündern zu dürfen.“ Starker Tobak!
Ein umwerfender Abend
Georg Schramms Auftritte zeichnen sich aus durch intellektuelle Schärfe, sprachliche Brillanz und jene Unerschrockenheit, die dem politischen Kabarett vielfach abhanden gekommen ist. Trotz beachtlicher schauspielerischer Qualitäten und seiner Sicherheit im Umgang mit Dialekten lässt er sich nie zu dumpfen Plattheiten hinreißen – wenn sein Oberstleutnant gelegentlich einen „Soldatenwitz“ erzählt, wird dieser klar als solcher bezeichnet; doch schnell erkennt man, weshalb er erzählt und genau an die entsprechenden Stelle platziert wurde.
Über zweieinhalb Stunden fesselt Schramm damit die vielen Zuhörer, die am Ende nicht aufhören wollen zu applaudieren. Als Zugabe gibt es dann den von Dieter Hildebrandt eingespielten Originaltext, der dem Programm seinen Namen gegeben hat. Offenbar hatte aber keiner zuvor an einer falschen Stelle gelacht, „wo Thomas Bernhard geschossen hätte.“ Es wurde auch so ein umwerfender Abend.