LINDAU – Unter die Zuschauer, die zur Abwechslung ein Musical im Stadttheater präsentiert bekamen, mischten sich auffällig viele Jugendliche. Gerade sie verführt eine anrüchige, gekonnt umgesetzte Gangsterstory vielleicht noch eher zum Theaterbesuch als etwa der Blick in Noras „Puppenheim“, das im März gegeben wird. Wem von beiden der größere „Nachhaltigkeitseffekt“ beschieden sein wird, bleibt allerdings noch abzuwarten.
So beginnen schöne Liebesgeschichten: Bonnie und Clyde verträumt am Strand, beide ein wenig müde, dann Clydes Wunsch, sich der Schuhe zu entledigen, um den Sand besser spüren zu können. Im diesem Falle wird hier allerdings schon deren Ende beschrieben, denn zwei Minuten später sind sie tot – ein Zustand, wie man weiß, den nervös gewordene Polizisten mit ihren schweren Maschinengewehren recht gründlich herbeigeführt haben.
Das Musical von Paul Graham Brown findet einen überzeugenden Weg, sich einer allzu großen Verklärung des berühmt-berüchtigten Gangster-Pärchens zu widersetzen.
Was zählt, ist ihre Liebe, was aber auch gezählt wird, sind die Leichen, die auf ihr Konto gehen. Die gut gemachten Musiknummern kreisen eher um die Liebe, während die eindringlichen theatralischen Elemente den unappetitlicheren Rest beschreiben. Damit diese Texte nicht im gut abgemischten Sound der hervorragenden Band untergehen, hat das „Altonaer Theater“ allen Darstellern Kopfmikrofone verpasst. Das hat dann für entsprechende Verständlichkeit gesorgt, an die Optik – Klebevorrichtung entlang einer Gesichtshälfte – musste man sich allerdings gewöhnen.
Ansonsten zeugten sowohl die schnellen Szenenwechsel als auch die gute Lichtregie von der hohen Professionalität des Hamburger Theaters. Auch die Choreographie in den zahlreichen Gesangsnummern überzeugte – sie hat bei einigen „Nebenrollen“ sogar den Verdacht erhärtet, dass hier stärker auf sängerische und tänzerische Qualitäten geachtet wurde als auf die schauspielerischen. Das hat mitunter zu irritierenden Versprechern geführt, die angesichts des guten Gesamteindruckes allerdings verkraftbar waren.
Von solchen Einschränkungen waren die beiden Hauptdarsteller Sonia Farke und Felix Powroslo natürlich ausgenommen. Dem legendären Gangsterpaar kamen sie auch optisch ziemlich nahe, und sie machten die Gründe, wie es zu der verhängnisvollen Karriere kommen konnte, dank ihres spielerischen Einsatzes tatsächlich nachvollziehbar.
Gesangliche, aber auch darstellerische Klasse bot Katrin Gerken als Blanche Barrow, und auch Holger Löwenberg als ihr Mann Buck Barrow zelebrierte einen bekehrten Knastbruder, dass es eine Freude war. Positiv bleibt auch Ingo Brosch in der Rolle des Ted Hinton in Erinnerung, der als Polizist für die Verfolgung und spätere Erschießung von Bonnie und Clyde verantwortlich ist. (Er hat im Übrigen danach seinen Dienst quittiert, obwohl er selbst bei diesem Einsatz nicht dabei war; er ist erst 1977 gestorben und hat das Manuskript zum dem Buch „Der Hinterhalt“ geschrieben). Gegen ein falsche Verklärung spricht auch, wenn im Programmheft erst die zwölf Namen aufgezählt werden, die der Barrow-Bande zwischen April 1932 und April 1934 zum Opfer fielen, ehe man auf der Schlussseite vom Schicksal der übrigen Bandenmitglieder erfährt.
Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Kulturdiskussionen hat diese Aufführung gezeigt, wie groß der Kreis derjenigen ist, die neugierig darauf sind, wie eine so stark vom Film geprägte Geschichte wie „Bonnie & Clyde“ auf einer Theaterbühne umgesetzt wird – auch ihnen wird diese Diskussion ziemlich absurd vorkommen.