Schlussbilanz (Israel Horovitz)

Funken überdauern keine 120 Minuten

Nicht einmal die starken Leistungen des bald 80-jährigen Alexander May und seiner Schauspielpartnerin Verena Wengler reichten aus, um dem Schauspiel „Schlussbilanz“ seine Langatmigkeit zu nehmen. Auch der absehbare Schluss benötigte zu viele Anlaufstellen, um den dramaturgischen Mangel zu überdecken.

Das Positive zuerst: Anders als in einigen der letzten Stücke gab es diesmal in puncto Sprachkultur und Textverständlichkeit nichts zu bemängeln. Von solch gestandenen Profis, um die es sich bei Alexander May und Verena Wengler handelt, war dies auch nicht zu befürchten. Auch die Regie von Stefan Zimmermann gab der Vorlage des amerikanischen Schriftstellers Israel Horovitz einen passenden Rahmen, in dem sich spielerischer Glanz und bühnenwirksame Momente prächtig entfalten konnten. Vor diesem Hintergrund sorgte der Zusammenprall so unterschiedlicher Figuren, wie sie der pensionierte Lehrer Brackisch und die nur halb so alte Witwe Hogan – eine ehemalige Schülerin – darstellen, immer wieder für jene Funken, von denen ein Theaterabend leben kann. Auch „Schlussbilanz“ hat davon immer wieder profitiert. Dies umso mehr, als man die Besetzung der beiden Rollen als geradezu ideal getroffen bezeichnen muss: hier Alexander May, dem die Mühen und körperlichen Einschränkungen des Alters mit jedem Schritt anzusehen waren und damit umso überzeugender den hinfälligen, vom Leben enttäuschten Lehrer sichtbar machen konnte; und dort Verena Wengler, die scheinbar mühelos die einfache, illusionslos gehaltene Frau auf die Bühne stellte und dabei immer wieder beachtliches Temperament und entschlossene Rachsucht entwickelte. Beiden scheint es dabei Spaß gemacht zu haben, die humorvollen und ironischen Stellen des Stückes aufzudecken und gekonnt zu servieren.

Idee erweist sich als unergiebig

Offenbar entpuppte sich aber die Idee des Stücks, die zunächst reizvoll erschien, als zu unergiebig, um über 120 Minuten zu fesseln: ehemalige Schülerin wird Haushaltshilfe bei ihrem alten Lehrer, der ihr und vielen anderen den beruflichen Werdegang verbaut hat, weil er zu streng und zu ungerecht benotet hat; und während ihres Aufenthalts stellt sich heraus, dass es noch weitere familiäre Schnittpunkte gab, die jetzt zumindest helfen, dass noch ein paar andere Seiten des gestrengen Lehrers zu Tage kommen. Das verhilft ihm am Ende zu einem versöhnlichen Tod, der sich dann auch erwartungsgemäß einstellt.

Im Textheft schreibt Alexander May, dass „Schlussbilanz“ – wie alle amerikanischen Stücke – für ein Publikum geschrieben sei, „das sich unterhalten lassen will und nicht an vordergründigen Belehrungen interessiert ist“. Allerdings, so möchte man entgegnen, muss gute Theaterunterhaltung keineswegs daran gemessen werden, wie gut man dabei belehrt wurde…