D’Lindouere (Elisabeth Baumgartner-Siegenthaler)

Fulminanter Saisonauftakt im Zeughaus

Von wegen harmloses Schülertheater, das nur von der Exotik des Schweizer Dialektes oder der Sympathie gegenüber jungen Darstellern hätte profitieren müssen: Die Aufführung des Spieles „D’Lindouere“ durch die Turbach-Schule im Berner Oberland hat aufgezeigt, wie erfolgreich etwas werden kann, wenn Idee, Organisation, Werbung und ein neugierig machendes Angebot zusammen passen. Eine Frischkur für den Zeughausverein!

Zweifel, über ein Stück berichten zu können, von dem man allenfalls dreißig Prozent des Textes verstanden hat, waren schnell verflogen. Und es war gar nicht allein nötig, nur „seine Herzen zu öffnen, um zu verstehen“, wie es Karl-Heinz Brombeis als „Motor“ des Ganzen formuliert hat, denn es gab spielerische und inszenierungstechnische Momente zuhauf, die der Geschichte jener „Lindoure“ genügend Leben einhauchten, um daraus einen hinreißenden Theaterabend entstehen zu lassen.

In Wahlzeiten wie jetzt entstand natürlich Gelächter, als der Überlinger Oswald Burger die Entstehung des Stückes von Elisabeth Baumgartner-Siegenthaler damit begründete, dass die Lindauer zu Beginn des 18. Jahrhunderts bei der Schweiz anfragten, weil sie Schutz vor den Bayern suchten. Einer dieser Schweizer Soldaten war es dann, der sich in die „Lindouere“ Christine verliebt hat, die sich nach dessen Abzug zu ihm ins Saanenland im Berner Oberland begab, ihn heiratete und dort erst nach vielen Anfeindungen und Verdächtigungen Frieden und Heimat fand.  

Bereits seit 38 Jahren wird in der Turbach-Schule Theater gemacht, und immer werden dazu alle Schüler der 9 Klassen eingebunden – was selten mehr als 30 sind, die sich dort zwei Klassenräume teilen. Innerhalb kürzester Zeit hat sich denn auch der ganze Erfahrungsreichtum, der sich da unter der Regie von Sigi Amstutz angesammelt hat, gezeigt und sich Ausdruck in einer überaus geschlossenen Darstellung geschafft. Selbstsicher und selbstbewußt agierte da eine Schülerschar, die gut choreographiert war, sich in den herrlichen Kostümen Vera Strassers offensichtlich wohl fühlte und darüber hinaus beachtliche Stimmqualitäten in den mehrstimmigen Gesangseinlagen entwickelte. Textsicherheit und Bühnendisziplin übertrafen dabei vieles, was man sonst von Gleichaltrigen auf der Bühne kennt, und die Schwierigkeit, sich einen 15-Jährigen beispielsweise als Statthalter vorzustellen, wurde durch die Unbedingtheit der spielerischen Hingabe in fast allen Rollen mehr als wettgemacht. Gewiss hätten etwa beim Darsteller des Oswald von Siebenthal ein paar Details sichtbarer gemacht werden können, um zu erklären, warum sich die wunderbar besetzte „Lindouere“ ausgerechnet in diesen Soldaten verliebt hat, doch tat dies der einnehmenden Wirkung dieser ungewöhnlichen Inszenierung keinen Abbruch. 

Zu ihren sympathischen Merkmalen gehörte nicht nur ein schon lange nicht mehr erlebter „richtiger“ Theaterdonner, sondern die uneitlen Schlussbilder, die statt eines endlosen Verbeugungsmarathons bewegungslose Bilder mit allen Darstellern zeigten und damit an das Blättern in alten Fotoalben erinnerten.

Am Ende dann bewegter – und wohl deshalb so ausführlicher – Dank an alle Beteiligten und Initiatoren, der mit der Hoffnung auf einen weitergehenden Kultur- und Kontaktaustausch ins Berner Oberland verbunden war.