LINDAU – Es war eine Menge musikalischer Prominenz darunter, für die der Wahl-Lindauer Gerhard Ranftl Flügel gestimmt hat. Und nach wie vor vergeht kaum ein Konzert im Stadttheater und im Lindauer Umkreis, bei dem er nicht zuvor für die „richtige Stimmung“ gesorgt hat. Doch obwohl er in dieser Woche das pensionsberechtigte Alter von 65 gefeiert hat, denkt er noch gar nicht daran, auf eines seiner drei Standbeine – Klavierstimmen, Noten- und Instrumentengeschäft und Cembalobau – zu verzichten. Unser Mitarbeiter Winfried J. Hamann hat mit dem Musikenthusiasten und Lebenskünstler gesprochen.
LZ: Wann immer ein Klavierkonzert stattfindet, muss es erst einmal ordentlich gestimmt werden. Dabei fällt meist Ihr Name. Welche Namen aber fallen Ihnen ein, für die Sie Flügel gestimmt haben?
Ranftl: Wilhelm Kempff, Elly Ney, Daniel Barenboim, die Kontarsky– und die Paratore-Brüder, Alfred Brendel, Glenn Gould, oder aus der neueren Zeit Grigory Sokolov. In diesen Zusammenhang gehören aber auch die Sänger, deren Flügel ich betreuen durfte, z.B. Hermann Prey, Dietrich Fischer Dieskau, Bernd Weikl, Brigitte Fassbender oder auch für Schlagersänger wie Fred Bertelmann.
LZ: Gibt es bei so vielen interessanten Begegnungen eine Situation, die Sie besonders beeindruckt oder überrascht hat?
Ranftl: Erst 22-jährig in München lebend, wurde ich durch die Sekretärin von dem Dirigenten Kurt Eichhorn zum Stimmen des privaten Flügels bestellt. Kurt Eichhorn wusste zwar durch die Konzerte von meinen Fähigkeiten als Klavierfachmann, doch kannten wir uns persönlich nicht. An seiner Haustüre um Einlass bittend stand der Maestro kritischen Blickes plötzlich vor mir und sprach, „gibt’s des a, du bist ja no so jung und scho so bekannt!“ Nach einer längeren Prüfung meiner Flügelstimmung wurde ich mit vielen Lobeshymnen überschüttet und als künftiger Betreuer seines Instrumentes beauftragt.
LZ: Haben Sie selber noch Lust, hin und wieder Klavier zu spielen, wenn man so häufig mit „verstimmten“ Klavieren zu tun hat?
Ranftl: Meine pianistischen Fähigkeit sind bescheiden, doch setze ich mich dann und wann zur eigenen Freude an das Klavier.
LZ: Musik scheint auch sonst eine wichtige Rolle in Ihrem Leben zu spielen – gibt es dafür ein Leitmotiv von Gerhard Ranftl?
Ranftl: Nicht von der Musik, sondern für die Musik zu leben, ist meine innere Einstellung.
LZ: Die Fachwelt kennt Ihren Namen auch als Hersteller von Cembali. Was hat es damit auf sich?
Ranftl: Als Cembalohersteller darf ich mich durchaus als erfolgreich einstufen. In vielen Musikschulen und Opernhäusern stehen meine Instrumente. Alleine das Staatstheater Stuttgart hat sich von mir 2 Cembali und ein Spinett bauen lassen.
LZ: Sie haben zwei CDs eingespielt – nicht als Musiker, sondern gewissermaßen als Poet. Was hat es damit auf sich?
Ranftl: Neben meiner Liebe zur klassischen wie auch zur echten Volksmusik, entdeckte ich die Faszination des Wortes. Eigene Gedanken schriftlich festzuhalten ist für mich eine innere Befreiung. Meine CDs sind eine Verknüpfung dessen was ich selbst so sehr liebe, die Musik und Poesie.
LZ: Wenn Sie selbst zuhause CDs hören – welche Musik, welche Komponisten hören Sie selbst am liebsten?
Ranftl: Es fällt mir schwer darauf eine Antwort zu geben. Die Jahreszeit oder die eigene innere Verfassung spielt bei mir eine wesentliche Rolle, um zu entscheiden welche Musik ich hören will. Ich liebe J. S. Bach genauso wie Richard Wagner und versuche auch zeitgenössische Komponisten zu verstehen. Auch möchte ich guten Jazz und die wahre Stubenmusik nicht missen.
LZ: Welche 3 CDs und welches Buch nehmen Sie mit auf die berühmte Insel?
Ranftl: Bei den CDs eine Sammlung von Richard Strauss–Liedern, das Alban Berg Quartett vielleicht mit Schubert, und zur jetzigen Jahreszeit von Händel den Messias. Als Buch, da würde ich mich gerne in Hermann Hesse vertiefen .
LZ: Derzeit wird in Lindau viel über Einsparmöglichkeiten gesprochen, und immer öfter richten sich die Begehrlichkeiten auch auf kulturelle Einrichtungen. Wie denken Sie darüber?
Ranftl: Die Kultur, vor allem die Musik ist das Bad der Seele und Nährboden für ein friedvolles Miteinander. Die Mittel für das Kulturamt sind so gering, hier darf es keine Abstriche geben.
LZ: Abschließend noch ein paar Sätze, die ich Sie bitte, zu vollenden:
Zum wichtigsten im Leben gehört für mich
Ranftl: meine Familie, Freunde und die Musik.
LZ: Wenn ich Lindauer Oberbürgermeister wäre, dann…
Ranftl: …wäre ich derzeit verzweifelt.
LZ: In zehn Jahren hoffe ich, dass im „ehemaligen“ Inselbahnhof…
Ranftl: …ein großes Einkaufszentrum sein wird.
LZ: Kindern rate ich, ein Instrument zu lernen, weil…
Ranftl: …es zum Alltag den inneren Ausgleich schafft.
LZ: Meinen nächsten Urlaub verbringe ich in…
Ranftl: …Südtirol
LZ: Später soll einmal von mir gesagt werden…
Ranftl: …Ranftl war durchaus ein brauchbarer Mensch.