LINDAU – Debüt für fünf der sechs Spieler, Neuinszenierung fürs Publikum: Am heutigen Mittwoch ist die dritte Überarbeitung der erfolgreichen „Zauberflöte“ zu sehen. Mit ihr beweist die Lindauer Marionettenoper erneut, wie ergiebig das regelmäßige Eintauchen in Mozarts Märchenoper sein kann.
Feiner täuscht keiner – auf diese verkürzte Formel könnte man diese brillante Neubearbeitung bringen, die am Sonntag ihre Vorpremiere hatte. Denn einmal mehr muss man bei der Nachbetrachtung dem Versuch widerstehen, dieser Zauberflöten-Aufführung mit dem Vokabular einer „richtigen“ Opernvorstellung zu begegnen. Den Spielern um Bernhard Leismüller und Ralf Hechelmann ist es nämlich wieder einmal gelungen, das Erlebnis eines Opernbesuchs zu suggerieren, ohne dafür auf die Namen berühmter Stars setzen zu müssen. Allein mit hinreißenden Holzpuppen, prächtigen Kostümen, geschmackvollen Bühnenbildern und einer wirkungsvollen Beleuchtung schaffen sie dabei eine Atmosphäre, die auch verwöhnte Opernfreunde in ihren Bann ziehen dürfte. Und manch einer darunter wird sogar zugestehen müssen, dass die dort oft vermisste Personenführung auf der Lindauer Marionettenbühne größere Sorgfalt erfuhr als in manch prominenterem Haus. Denn dieses Kriterium muss über allem stehen: Die Bewegungen der Puppen sind einmal mehr bis hin zu den kleinsten Regungen verfeinert worden, und das ist es wohl vor allem, was diese Inszenierungen so lebendig macht.
Freilich können die Verantwortlichen mit ihrer inzwischen sechsjährigen Spielpraxis in den Räumen des Lindauer Konzertsaals aus dem Vollen schöpfen, wenn es gilt, die Wirkung einer Inszenierung zu berechnen und entsprechend umzusetzen. Und davon profitiert natürlich besonders ein Werk, das so vielschichtig und fantasievoll angelegt ist wie Mozarts „Zauberflöte.“
Schlangen wälzen sich auf Bühne
Da wälzen sich einmal dreiköpfige Schlangen oder monströse Saurierkrallen über die Bühne, dann landen wieder putzige Vögel oder zappelige Papagena-Balge im Käfig oder im kuscheligen Eltemnest – nur zwei Beispiele der unbändigen Inszenierungslust, zu der dieses Werk seine Regisseure animiert. Es gibt eine Vielzahl bewegender Momente, etwa dann, wenn Pamina bei der „Ach, ich fühl’s“- Arie von ihrem Enttäuschungsschmerz übermannt wird und sichtbar wird, wie sehr beide unter Taminos Schweigepflicht leiden. Mächtige Bilder tun sich auf beim Auftritt der Priester – gleich elf davon bevölkern die Bühne und widerlegen alles, was die Welt da draußen an „Priestermangel“ beklagt. Besonderen Charme verbreiten die Auftritte der drei Knaben, wohingegen die Umsetzung, die für die Herren der Prüfungskommission gefunden wurde, durch ihre archaische Wucht überzeugt.
Die neue Inszenierung der Marionettenoper besticht durch ihre fantasievollen, aber maßvoll und pointiert eingesetzten Einfälle, die sich jedoch weit entfernt von billiger Effekthascherei bewegen. Dies gilt ebenso für den Einsatz der Beleuchtung, die diesmal sogar vor längeren „Dunkelphasen“ nicht zurückschreckt. Erstaunlich auch, wie schnell inzwischen der Wechsel der Bühnenbilder funktioniert – eine Geschwindigkeit, die sich manchmal allerdings auch auf das Fallen des Vorhanges überträgt und so etwas von der „erhabenen“ Opernatmosphäre wegnimmt. Ungeachtet dessen: Diese Neuinszenierung wird mit Sicherheit ihren Anteil daran haben, wenn die Lindauer Marionettenoper in Fachkreisen mittlerweile als beste europäische Opernbühne für Marionetten gilt. Heute ist um 19.30 Uhr Premiere.