Faust ohne Gretchen (Curth Flatow)

Kerbe in der schnöden Woche

Mag sein, daß der wahre Lustspiel-Genuss nur eine Frage der Reihenfolge ist: Ein, besser zwei Gläschen Wein nicht nach, sondern vor so einem Theaterabend getrunken (Stadtbus benutzen!), dann die launige, durchaus wirkungsvolle Darbietung eines bekannten Boulevard-Schauspielers in einem freilich ziemlich belanglosen Stück genossen, und man darf danach ziemlich sicher sein, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen einzuschlafen. Anderntags dann das wohlige Gefühl, der schnöden Arbeitswoche eine kulturelle Kerbe versetzt zu haben und immerhin einen Wolfgang Spier im Lindauer Stadttheater live erlebt zu haben.

Es mangelt Curth Flatows „Faust ohne Gretchen“ keineswegs an Elementen, die den Lauf eines solchen Lustspielabends so unerbittlich vorhersehbar machen: zunächst die drei schrulligen Damen, die dem alternden Schauspieler Konstantin Meinhardt – „K.M.“ – alias Wolfgang Spier gekonnt und brav assistieren; da wäre zunächst Hannelore Minkus, Schauspielerin und Liebhaberin a.D., distinguiert, dabei von aristokratischer Würde und Lächerlichkeit; des weiteren Hannelore Cremer als ruchlose Journalistin, die ihre Buchstabenproduktion ebenso als Patronen verschießen könnte; und schließlich Margot Rothweiler, die als Exfrau des in grandioser Eitelkeit gealterten K.M. einen stets erfolgreichen Kampf gegen jedwedes Aufkommen von Erotik innerhalb und nach ihrer Ehe geführt hatte, ohne es je zu bemerken.

Gabi Heinecke als sympathische Ärztin endlich bleibt es vorbehalten, trotz des rollenbedingten Fehlens jeder Originalität wenigstens der gnädigen Herzattacke K.M.s erfolgreich zu trotzen, um am Ende des Stückes ihrem übergroßen Häubchen Charme auch noch die Haube der Ehe überzustülpen.

Der übriggebliebene Jörg Menke-Peitzmeyer, seines Zeichens junger Biograph des alternden Schauspielers, wird kurzerhand und nicht einmal unlogisch zu dessen Sohn erklärt, was ihn immerhin seiner diesbezüglichen Ungewissheit entledigt, allerdings auch der Hoffnung auf die dem Vater vorbehaltene Ärztin. Bisweilen funkeln schlagfertige Dialoge aus der leicht überdimensionalen Gag-Versammlung, der sich oft recht umständlich und in langatmiger Vorbereitung ein neuer Witz entwindet. Besonders diesem Umstand ist es zuzuschreiben, wenn die Aufführung wirkte, als wäre sie mindestens 20 Minuten über die Zeit gegangen.

Alles in allem ein harmloses Stück in typischer Lustspielmanier, ansprechend gespielt und zumindest geeignet, die Quote dieses Genres ordentlich zu erfüllen. Die Frage der Reihenfolge – siehe Anfang – läßt sich unter diesen Aspekten eindeutig mit einer Empfehlung für einen Schoppen vor Beginn des Stückes beantworten.