Faust (Faust) (Sachsen Anhalt, 2.Aufführung)

Faust: Auch Wiederholung schafft ausverkauftes Haus

Soviel Jugend war selten: im Stadttheater, das seit Tagen ausverkauft war, stellte sie wohl mehr als zwei Drittel der Zuschauer. Es hatte sich offenbar herum gesprochen, wie sehenswert und unterhaltsam dieser „Faust“ aus Sachsen-Anhalt sein würde.

Es sei – so Mephisto-Darstellerin Susanne Bard – durchaus schonmal vorgekommen, dass sie eine Aufführung unterbrochen habe; da hätten unkonzentrierte und geschwätzige Jugendliche offenbar nicht kapiert, dass bei einer spritzigen Theateraufführung andere Spielregeln gelten als bei lustigen Parties. Von einer solchen Maßnahme war das Gastspiel in Lindau natürlich weit entfernt – und auch ein paar andere Schauspieler lobten hinterher wieder einmal das Niveau und die sensiblen Reaktionen des hiesigen Publikums. Denn es sind recht unterschiedliche Stationen, an denen die Landesbühne Sachsen-Anhalt mit diesem erfolgreichen „Faust“ seit Herbst 2003 halt gemacht hat, und auch in Lindau bescherte er Lindau vor zwei Jahren schon mal ein ausverkauftes Haus (und eine begeisterte Kritik).

Regisseurin Martina Bode hat den Goethe-Stoff auf knapp drei Stunden gekürzt, jedoch alle wichtigen Szenen beibehalten. Ihr Wagnis, den Mephisto mit einer Frau zu besetzen, humoristische Elemente hervorzuheben und dort, wo es Sinn macht, mit zeitgenössischen Stilmitteln zu arbeiten, hat der Inszenierung ihren Schwung und ihre Unmittelbarkeit verliehen – und sicher auch die hohe Akzeptanz bei den Jugendlichen. Profitiert hat sie auch von der erotischen Kraft, die Mephisto-Darstellerin Susanne Bard in allen denkbaren Dosierungen einbrachte und die sie bei Bedarf zu vulgärer Derbheit steigern konnte. Dies hat eine wesentliche Dimension des ohnehin schillernden Persönlichkeitsprofils des Mephisto freigelegt und ist damit möglicherweise den Goetheschen Intentionen um ein wichtiges Stück näher gekommen. Wenn man dann noch ihre „Einlagen“ als rockige Gitarristin oder als umwerfende Reich-Ranicki-Imitatorin bedenkt, die sie genau rechtzeitig vor Erreichen der Klamaukgrenze abzubrechen wusste, dann wird klar, warum sich die Regisseurin diese Rolle nur mit Susanne Bard vorstellen konnte.

Geballte Frauenpower

Maria Vrijdaghs, zuletzt noch als hinreißende Elektra zu erleben, gab jetzt die Margarethe. Dass sie diese Rolle – im wahrsten Sinne des Wortes – ihrer üblichen blonden Zöpfe und ihres Dummerchen-Habitus‘ beraubte – konnte ihr nur gut tun. So war zwar auch ein junges und einfaches Mädchen zu sehen, das vom aufziehenden Unheil Ahnung bekam und von ihm immer stärker erfasst wurde, das jedoch ebenso mit den sexuellen Verlockungen und den Gefühlsstürmen einer Jugendlichen zu kämpfen hatte.

Gegen solch geballte spielerische „Frauenpower“ hatten es „Faust alt“ (Ralph Richter) und „Faust jung“ gar nicht so einfach – zumal ersterer immer wieder ziemlich leise wurde und der andere, Tobias Brüning, nach seiner „Verjüngung“ in der deftig zelebrierten Hexenküche so gar nichts mehr vom Dämonischen und der ursprünglichen Kraft des alten Vorgängers hinüber retten wollte. Die Gefahr, dass hier ein Schicksal von zwei in Leidenschaft Entflammten sich allzu losgelöst vom ursprünglichen Deal zwischen Mephisto und Faustfort entwickeln könnte, stand deshalb eine ganze Weile im Raum.

Trotz dieser möglicherweise gewollten Interpretation gehört diese Faust-Inszenierung zu den Stücken, denen es selbst angesichts ihrer schier uferlosen inhaltlichen Fülle gelungen ist, einen anregenden und faszinierenden Theaterabend zu schaffen – das unterstrich nicht nur der begeisterte und lang anhaltende Schlussbeifall.