Das Maß der Dinge (Neil Labute)

Evelyn küsst Adam konsequent wach

Mit der Komödie „Das Maß der Dinge“ ist die Halbzeit der diesjährigen Theatersaison erreicht. Spielerisch und hinsichtlich seiner zeitgemäßen Fragestellungen gehört das Stück zum Reizvollsten, was bisher geboten wurde.

Schön, wenn das Ärgerlichste an einer Aufführung ist, dass offenbar viele von denen, die genau solche Stücke und Inszenierungen vermissen, sie nicht gesehen haben. Die vorhandenen Vorurteile gegen Tourneetheater reduzieren sich dann auf den unbestreitbaren Nachteil, dass Wiederholungen nur in Ausnahmefällen und dann allenfalls mit großem Abstand stattfinden können.

Im Falle von „Das Maß der Dinge“ ist dies umso bedauerlicher, als hier eine Komödie über die Bühne ging, zu der zwar einige Jüngere kamen, an der aber vermutlich noch weit mehr Jugendliche und Schüler ihre Freude gehabt hätten – und das keineswegs nur deshalb, weil man sich zwischendurch mit dem Anblick nackter Leiber eines jungen Schauspielerpaares konfrontiert sah.

Der Amerikaner Neil Labute ist einer der erfolgreichsten Autoren der jüngeren Generation – sogar „Theater heute“ hat eines seiner Werke mit dem Prädikat „bestes ausländisches Stück des Jahres“ geadelt. Insbesondere die geschliffenen Dialoge und eine stringente, aber unaufdringliche Dramaturgie unterscheiden sich wohltuend von manchem, was sich unter der Überschrift „Komödie“ um einen Dauerplatz in diesem Genre bemüht.

Im „Maß der Dinge“ hat die Pygmalion-Thematik einen Geschlechtertausch vorgenommen: Die junge, attraktive Evelyn ist es diesmal, die den unauffälligen Adam so konsequent wach küsst, dass fast gar nichts mehr von dem übrig bleibt, was den neu geschaffenen, smarten Prinzen an den ehemaligen Frosch erinnern könnte. Den Verlust der alten Klamotten, der braven Frisur und der ursprünglichen Nasenform folgt am Ende sogar derjenige alter Freunde: ein hoher Preis für ein bisschen Liebe. Dies umso mehr, als die sich als erbarmungsloses Täuschungsmanöver für einen ganz anderen Zweck herausstellt. Einem Zweck, der die Schlusspointe des Stückes ausmacht und auf den deshalb an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll.

Stück bietet Diskussionsstoff

Die aparte Solveig August und ihr Partner Johannes Richard Voelkel reichern ihren jeweiligen Part mit der ganzen Fülle ihres schauspielerischen Könnens an: Da wird geschmust und gestritten, diskutiert und geliebt, und stets bleiben die beiden glaubhaft. Als Zuschauer nimmt man immer stärkeren Anteil an dieser wachsenden Beziehung und verdrängt lange, welche Tragik sich dahinter aufbaut. Bald aber spürt man, dass es allein mit dem Motto „und ewig lockt das Weib“ nicht weitergehen wird. Denn plötzlich drängen sich ganz andere Fragen in den Vordergrund: Wie weit darf man den Begriff „Kunst“ definieren? Welche Gefahr droht, wenn nur die Ausübenden die Deutungshoheit darüber beanspruchen? Oder allgemein: Heiligt der Zweck jedes Mittel – in der Kunst, gar in der Liebe?

Neil Labute hat diesen Themenkomplex auf raffinierte Weise als Komödie verkleidet und Regisseur Uwe Eric Laufenberg hat sie elegant und flüssig umgesetzt. Das intelligente Bühnenbild (Kaspar Glarner) mit seiner spannend eingesetzten Videotechnik hat den großartigen Gesamteindruck zusätzlich verstärkt. Fazit: Shakespeares „Maß für Maß“ – um nur ein wortverwandtes Werk zu nennen – wird weiter als gymnasialer Pflichtbesuch gelten. Doch in Zeiten, wo Manipulationsversuche an jeder Ecke lauern, dürften Stücke wie Labutes „Das Maß der Dinge“ vermutlich größeren Diskussionsstoff bieten – und nicht nur, weil es wieder einmal Nackte auf der Bühne des ehrwürdigen Stadttheaters gab.