Evangelisch In Lindau

„Hier können Sie nicht stehen bleiben!“ Mit diesem berühmten Hausmeistersatz hat Dekan Maser die gut besuchte Veranstaltung im Gewölbesaal eröffnet, wo mit einer Standortbestimmung der evangelischen Gemeinden ein stärkeres Zusammenwirken zwischen Kirche und Politik in die Gänge kommen sollte. Die Politik allerdings musste an diesem Abend über die Zukunft der Lindauer Bäder beraten.

Reformstau überall, doch wie viel Veränderung verträgt der Mensch? Am Beispiel etwa einer Strasse sind es nach neuesten Untersuchungen gerade mal drei Prozent pro Jahr, die man verändern kann; wenn es darüber hinaus geht, klingt es allenthalben: „Das ist nicht mehr meine Strasse!“

Vor diesem wenig ermutigenden Hintergrund hat auch der evangelische Dekan gestanden, dass nicht nur die Politik, sondern auch die Kirche ihren Mitgliedern wegen Finanzknappheit Veränderungen zumuten muss, die vielen Angst macht. Wie sich derweil auch die Kirche verändert hat und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, darüber hat der Geograph und Wirtschaftswissenschaftler Dr. Florian Scherz in einem aufschlussreichen Referat gesprochen. Für seine Doktorarbeit „Kirche und Raum“ haben ihm dabei die fünf evangelischen Gemeinden von Lindau und Wasserburg als Beispiel gedient. 

Grundlage seiner Ausführungen war dabei die veränderte Religiosität und der Bedeutungsverlust kirchlicher Dogmen: die meisten Menschen in der Bundesrepublik basteln sich aus Versatzstücken unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen ihren persönlichen „Glauben“ zusammen und stellen meist erst dann besonders hohe Erwartungen an die Kirche, wenn sie in persönliche Lebenskrisen geraten. Zuvor aber gilt, dass kirchliche Angebote immer häufiger nach persönlichem Geschmack und der Kompatibilität mit der eigenen Lebensgestaltung ausgesucht werden und kaum noch nach dem, was eine typische Kirchengemeinde vorhält. Statt sich aber in religiöser Beliebigkeit zu verstricken, um möglichst alle zu erreichen, plädiert Florian Scherz für eine stärkere Profilbildung einzelner Gemeinden; dies aber kann nur funktionieren, wenn die Zusammenarbeit untereinander und in der Region noch enger wird und dafür gegebenenfalls auch nach neuen Modellen der Entscheidungsfindung, bzw. nach effektiven und konfliktarmen Formen der gegenseitigen Abstimmung gesucht wird. Auch ihre Rolle innerhalb einer Stadt muss die Kirche dabei klar definieren – will sie in strittigen Fragen (etwa dem verkaufsoffenen Sonntag) als moralische Instanz auftreten oder sich an der Suche nach einem allgemein akzeptierten Ausgleich beteiligen? Bei allem aber blieb im Mittelpunkt – und hier wohl analog zu dem, was notgedrungen zur Tendenz im politischen Tagesgeschäft werden wird -, die ganze „Region Lindau“ in diesen Wandel einzubeziehen und die Zusammenarbeit etwa in der Jugendarbeit vom bloßen „Kirchturmdenken“ frei zu machen und auch zu klären, wie künftig die Zuständigkeit von Kirchengemeinden oder ihrer Hauptamtlichen neu definiert wird. Insofern kann dieser Abend durchaus dazu beigetragen haben, dass für die künftige Rolle der Kirchen neue Lösungsmodelle in Betracht gezogen werden; Lösungsmodelle, die vielleicht auch den Stadtrat ein paar hundert Meter für den Betrieb der Bäder beschäftigt haben.