Erschreckend klar wie das Original wirkt „Arturo Ui“
Bereits zwei Mal ist die Landesbühne Sachsen-Anhalt mit ihrer fulminanten Faust-Inszenierung in Lindau gewesen. Jetzt war „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht an der Reihe. Auch hier hat Martina Bode aus Eisleben Regie geführt und das Stück mit ihrer unverwechselbaren, kraftvollen Handschrift gezeichnet.
Das Bühnenbild machte Brechts Überzeugung anschaulich: Ohne kapitalistische Großfirmen im Hintergrund ist’s anstrengend mit der Macht. Also hat Ausstatter Peer Palmowski bekannte Firmenlogos unserer Tage an den Wänden versammelt, deren Hintergrund pink wirkte, vielleicht aber doch „schweine“-farben gemeint war.
Mit Blechtrommel und Zigarrenqualm, Blues-Brothers-Kopien und Knarren stürzt sich das Ensemble voller Tempo auf die Chicagoer Gangstergeschichte. Sie aber ist natürlich nur eine Farce – Brecht nennt sie „Historienfarce“ -, bezieht die Parabel ihren Stoff doch aus der biographischen Ähnlichkeit von zwei gut bekannten Kriminellen, von denen der eine AI Capone, der andere Adolf Hitler hieß und der hier Arturo Ui, Gangsterchef, genannt wird. Brecht schrieb das Stück 1941, später hätte er den „Aufstieg des Arturo Ui“ wohl nicht „aufhaltsam“ genannt. Ansonsten kommt in leicht verschlüsselter Form so ziemlich alles vor, was damals Rang und Namen hatte oder die zensierten Schlagzeilen beherrschte: Hindenburg und Dollfuß samt dessen Ermordung und Österreichs „Anschluss“, der Hinkefuß von Goebbels und Görings Bauch, Reichstagsbrand und Röhm-Putsch.
Die Darsteller tragen kräftige Spielfarben auf, um diese Bezüge kenntlich zu machen, und am großzügigsten gestattet die Regie dies dem Hauptdarsteller Hardy Halama. Immerhin muss er als Ui alias Hitler die größte Herausforderung meistern und eine überzeugende Lösung zwischen dem Original und den vielen Schauspielern lösen, die sich an seiner Figur abgearbeitet haben. Halama setzt hierfür auf die Mittel der Groteske und des größtmöglichen Kontrastes, spielt lustvoll mit Elementen, die unheimlich, lauernd, aber auch sanft und verbindlich sein können, sich aber meist unvermittelt einstellen. Stimmlich trifft er das Original oft mit erschreckender Klarheit.
Einige gelungene Regieeinfälle – etwa das absurde Fähnchenwinken oder der möglichst anspruchslose „Heimat“-Sing-Sang – konnten das pralle Beziehungsgeflecht zwischen den Akteuren und das geschichtliche Dickicht flüssig halten. Darüber hinaus haben Szenen wie Hitlers Schauspielunterricht – der in dieser Inszenierung merkwürdig eindimensional blieb – auch ein Nachlassen der nötigen Konzentration verziehen, ebenso die gekonnten Klaviereinlagen von Sebastian Undisz.
Überzeugend umgesetzt
All dies scheint zum Regiekonzept zu gehören, das auf diese Weise die Unappetitlichkeit der geschichtlichen Vorlage erträglich, ja unterhaltsam gemacht und die Tauglichkeit fürs Theater unter Beweis gestellt hat. Hitlers gewaltigen – und unaufhaltsamen – Einfluss auf die Weltgeschichte mit dem Wirken AI Capones in Beziehung zu setzen, mag im Nachhinein unangemessen wirken. Wie groß allerdings die Parallelen zwischen dem Einfluss der Großindustrie auf kriminelle Veranlagungen Einzelner sein können, das hat diese Inszenierung des Brecht-Stückes überzeugend umgesetzt. Nicht zuletzt dafür gab es lang anhaltenden Applaus und viele Verneigungen vor einem Publikum, das die Leistungen der Landesbühne Sachsen-Anhalt offensichtlich besonders zu schätzen weiß. Zu Recht!