LINDAU – Insbesondere dann, wenn Raum und Musik sich zu solch atmosphärischen Dichte verbinden, wird einem die Wirkung des mittlerweile fast zum Schattendasein verdammten, dabei so aufwendig restaurierten Rokokosaales wieder bewusst. Mit einem erlesenen Barockprogramm hat das Ensemble „LindArt“ gezeigt, wie sehr man dieses Raum-Juwel zum Leuchten bringen kann.
Es gibt Zeiten – und dazu gehören die vergangenen Wochen in denen internationale Namen und Events, die zur künstlerischen Großtat verklärt werden, emsig um den überforderten Zuhörer buhlen. Dabei gerät die heimische Kunst zuweilen an den Rand der verdienten Aufmerksamkeit. Am Freitag waren es immerhin rund 50 Interessenten, die sich davon überzeugen konnten, dass der Abstand zwischen seriösem Musizieren und den Erwartungen an einen gewichtig angekündigten Konzertabend gar nicht so groß sein muss, wie einem geschickte Konzertagenturen suggerieren wollen.
Gewiss erwartet man bei Namen wie Telemann, Vivaldi, C.Ph. E. Bach und Boccherini nicht, dass man dem Beschreiten von interpretatorischem Neuland beiwohnen würde. Denn an eines hat das Ensemble „LindArt „mit fast beschämender Selbstverständlichkeit erinnert: dass diese Musik bestimmt nicht geschrieben wurde, um ihren Interpreten möglichst neue und hohe Hürden für ihre spielerische Fähigkeiten zuzuführen. Hier waltete kompositorische Fantasie in Bestform, und den acht Musikern ist es gelungen, daraus ein stimmiges und abwechslungsreiches Programm zusammenzustellen.
Da bewiesen Altblockflöte (Michael Klein) und Oboe (Todor Stanev) im Telemann-,“Concerto a 4″ ihre klangliche Verträglichkeit ebenso wie die Kunst, neue Klangfarben zu erzeugen;
zusammen mit der Violine (zunächst Wolfgang Ferber, später auch Inge Hager) überwanden sie die kadenzreichen Fallen, die sich ihnen im Schluss-Vivace in den Weg stellten, mit souveräner Abgeklärtheit. Danach hieß es „Vivaldi ante portas“, und die Klangpracht der beiden Geigen entfaltete sich im Rokokosaal ebenso herrlich wie das wundervoll angelegte Largo, in dem sich wiederum die Blockflöte mit dem ausbalancierten Continuo (Marlis Kiraly, Cello, und Nikolaus Schwärzler am Cembalo) hervortat.
In Carl Philipp Emanuel Bachs Flötensonate trat erstmals Claudia Ferber und mit ihr auch die Querflöte in Erscheinung. Das wache Zusammenspiel zwischen ihr und Nikolaus Schwärzler verlieh dem barocken Fluss des Allegro vornehme Eleganz; das Menuett mit den Variationen wusste seinen verhaltenen Schmerz in tänzerische Anmut zu kleiden. Beim g-moll Streichquartett von Boccherini (jetzt auch mit Maria Häberle) waren die Streicher dann unter sich – besonders sie nährten mit dem gehaltvollen Werk die Erkenntnis, dass das reiche künstlerische Potential in Lindau auch ein Streichquartett in seinen Reihen hat, das den Vergleich mit weit höher gehandelten Quartetten nicht zu scheuen braucht: Ausdruck, Präzision und musikalische Ausleuchtung fanden sich so selbstverständlich zusammen, dass jeder Kammermusikfreund auf seine Kosten kam und zudem mit einem selten gehörten Werk belohnt wurde.
Beim abschließenden e-moll-Konzert von Telemann fanden sich alle acht Musiker zusammen. Das Pizzicato im mittleren Largo veredelten die Streicher zu einem satten Klangteppich, über den sich die beiden Flöten genüsslich ausbreiteten. Den rhythmischen Drive im Schlusssatz unterstützte Todor Stanev diesmal mit einem Tambourin; so war es nicht verwunderlich, wenn der mitreißende Elan dieses „Presto“ mit seinen renaissancehaft anmutenden Klängen herhalten mußte, um als Zugabe das beeindruckte Publikum noch einmal zu begeistern.