Halbe Wahrheiten (Alan Ayckbourn)

Ensemble serviert mit „halben Wahrheiten“ beschwingten Abend

„Halbe Wahrheiten“ – bereits die dritte Komödie in der noch jungen Theatersaison – bescherte dem Veranstalter ein volles Haus und dem Lindauer Publikum namhafte Schauspieler. Das spielfreudige Ensemble und der letztlich doch noch flotte Spielverlauf ließen über den zähen Beginn der ersten vierzig Minuten hinwegsehen.

Das Negative sei deshalb auch hier gleich an den Anfang gestellt: Die lieblos hingestellten Lautsprecherboxen auf beiden Seiten der Bühne passten durchaus zum biederen, ziemlich uninspirierten Bühnenbild. (…) Dass der Einstieg dann mit dem obligatorischen Telefonklingeln erfolgte, war schon beinahe wieder konsequent.

Mehr und mehr aber wurde deutlich, weshalb der Engländer zum meist gespielten Theaterautor der Gegenwart wurde: Die geschickt verteilten Indizien für Seitensprünge, Liebesschwüre und Heimlichkeiten häuft er zu einer Vielzahl von Missverständnissen an, deren Auflösung den Zuschauer zunächst ungeduldig, allmählich jedoch immer neugieriger macht, um ihn schließlich ganz in seinen Bann zu ziehen.

Das Personal hierzu – zwei frisch Verliebte und ein älteres Ehepaar – war gut gewählt. Hier die kesse Heike Kloss, die als Ginny mächtig wirbelt, um dem zur Heirat entschlossenen Greg ihren Wust an erotischen Vorgeschichten möglichst harmlos darzustellen. Florian M. Odendahl bewältigt diesen Part mit ahnungsvoller Leidenschaft und changiert dabei lustvoll zwischen aufgebrachter Eifersucht und einer Naivität, die sich bestens mit seinem komödiantischen Talent verträgt.

Claudia Rieschel und Thomas Fritsch verkörpern das ältere Ehepaar Sheila und Philip Carter. Sie scheinen großen Spaß daran zu haben, diesen Status mit all seinen Facetten aus Zuneigung, Langeweile, Empfänglichkeit fürs andere Geschlecht und schierer Altersweisheit auszuspielen. Allerdings gibt es da noch die lang gepflegte Affäre mit Ginny, die einzugestehen Philip so lange hinauszögern kann, bis er schließlich von allen Seiten in die Enge getrieben wird. Erst jetzt erkennt er, was für ein herrliches Weib er eigentlich an seiner Seite hat – Material genug also, an dem der vitale Schauspieler sein schauspielerisches Handwerk unter Beweis stellt.

Fritsch und Rieschel brillieren

Es ist ein sehenswertes Spiel, das sich da zwischen Thomas Fritsch und Claudia Rieschel auftut, durchtränkt von psychologischer Kriegsführung und latenter Kampfbereitschaft, freilich entgiftet durch die großzügigen, bisweilen übertriebenen Mittel der Komödie. Die Situationskomik nimmt zu, Wortspiele häufen sich, und die geradezu bizarre Lage, in die sich die beiden Paare durch vielerlei „halbe Wahrheiten“ manövriert haben, verleihen der Komödie schließlich den erwarteten Schwung.

Viele der Zuschauer werden ihren Spaß daran gehabt haben, wie insbesondere Thomas Fritsch – durchaus rollengerecht! – mit seinem Alter kokettiert hat und im Zusammenspiel mit der überaus souveränen Claudia Rieschel zur Bestform auflief. Dass er neben seinem beträchtlichen Spielwitz nach wie vor über eine eindrucksvolle Stimme verfügt, die an Deutlichkeit und Verständlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt, wird manchem aufgefallen sein, der vielleicht weniger Erwartungen in diese Boulevardkomödie gesetzt hat.

Das Publikum und Thomas Fritsch selbst jedenfalls dürften gespürt haben, dass die unterschwellig vorhandene Frage „noch Sunnyboy oder schon Altstar?“ in diesem Stück keine Rolle gespielt hat. Und das gehört nicht zum Geringsten, was über diesen beschwingten Theaterabend gesagt werden kann.