Alle Einwände zum Verstummen gebracht
Seine Zweifel gegenüber anhaltender Leidenschaft in einer Ehe vergleicht Erfolgsautor Abel mit der Fragwürdigkeit des „Versprechens, immer Fieber zu haben“. Eine Annäherung an diesen Zustand gelang Peter Bongartz und Carsten Klemm jedoch mit dem, was die beiden im Stück „Enigma“ auf die Bühne des Stadttheaters brachten.
Willig ließen sich die beiden Schauspieler vom fulminanten Text und der stets überraschenden Entwicklung dieser „Rätselhaften Variationen“ anstecken, und man mochte dem Autor Eric-Emmanuel Schmitt die Füße dafür küssen, dass er das zeitgenössische Schauspiel so geistvoll bereichert hat. Schon das nordisch-anheimelnde Interieur der Bühne und der geschickte Lichtwechsel am wolkenverhangenen Hintergrund zeugten vom überlegten Inszenierungskonzept Fred Berndts, das sich im schauspielerischen Tun geradezu bruchlos fortsetzte.
Es war eine Lust, Peter Bongartz dabei zuzuschauen, wie er in monströser Erhabenheit den Unterschied zwischen seinesgleichen und dem neugierigen und nervösen Eindringling ausgestaltet; wie in Blei gegossen fallen da seine zitatwürdigen Sätze, begründet er seine Flucht in die Einsamkeit und macht demjenigen, den er zunächst für einen Journalisten halten muß, deutlich: „Ich stammle und berichte nicht: Ich schöpfe.“ Und so lässt er sein Dichtertum erstrahlen; gottähnlich, und ahnt noch nicht, daß es sich erst um Variation eins von insgesamt vierzehn handelt.
Die nachfolgenden Variationen werden jedoch die scheinbar klare Rollenverteilung aufs heftigste durcheinander wirbeln. Was dabei an philosophischen Einsichten, an Gedanken zum Eros und zur Liebe mit verblüffender Leichtigkeit ins Spiel gebracht wird, macht die besondere Qualität dieses Schauspiels im Stadttheater aus.
Verpackt in immer neue Wendungen, die vorher Gesagtes plötzlich relativieren oder in neuem Licht erscheinen lassen, gerät das Stück zu einem spannenden Psychokrimi, der seine tiefsinnigen Gedanken zur Macht, zum Tod, zur Wahrheit und immer wieder zur Liebe zu einem packenden Theatererlebnis werden lässt. Vollends zum Glücksfall wird es dann, wenn es – wie bei der Lindauer Aufführung – den beiden Schauspielern gelingt, diesen Kosmos sichtbar zu machen.
Wo mancher Klassiker schwer im Magen liegt und gewisse Boulevardstücke sich vor Harmlosigkeit in Nichts auflösen – da bringt „Enigma“ alle Einwände gegenüber dem Sinn von Theater zum Verstummen.