Martha Jellneck (Beate Langmaack)

Ellen Schwiers verleiht ihrer Rolle Würde

Ist es wirklich die Abschiedstournee von Ellen Schwiers? In ihrer Rolle als „Martha Jellneck“ hat es im Lindauer Stadttheater jedenfalls keine Hinweise darauf gegeben, dass diese Absicht etwas mit dem Alter der 75- jährigen Schauspielerin zu tun haben könnte. Sie hat ihrer Rolle Würde und Wachheit verliehen.

Die Anzahl von Stücken, die sich mit Deutschlands Vergangenheit und insbesondere seiner Nazizeit auseinandersetzen, ist in den vergangenen Jahren ständig gewachsen. Gleichzeitig leuchten Autoren immer häufiger auch den Alltag von alten Menschen aus und schreiben ihn für die Bühne zurecht.

Beate Langmaack, deren guter Ruf nicht zuletzt auf Drehbüchern für Krimireihen wie „Kommissar Beck“ oder „Polizeiruf 110“ basiert, hat nun beide Themen zusammengebracht. Sie schildert, wie eine von Arthrose geplagte Rentnerin dem Nazi-Mord an ihrem Halbbruder auf die Spur kommt und wie sie sich an dem Täter rächt.

Flankiert und belebt wird die Handlung durch den Zivildienstleistenden Thomas und die junge Nachbarin Hanne: Markus Maria Winkler und Tatjana Pokorny verkörpern dabei sehr glaubwürdig jenen Teil der Jugend, der hilfreich, frech und manchmal ein bisschen unbekümmert daherkommt.

Bei der Rollenverteilung musste diesmal auch ein leibhaftiger Hund berücksichtigt werden, der natürlich besonders viel Sympathie auf sich zog. Denn Mai Tai – auf diesen Namen hört Ellen Schwiers Hund im richtigen Leben – ließ alles mit sich geschehen und schien auch nicht irritiert, dass er im Stück „Afra“ gerufen wurde. Mai Tai war keineswegs zur Dekoration auf der Bühne, sondern spielte für den „Racheplan“ seiner Herrin eine nicht zu unterschätzende Rolle.

„Martha Jellneck“ ist ein ruhiges und ziemlich unaufgeregtes Stück. Dennoch geht es von Anfang an verschwenderisch mit Hinweisen auf den weiteren Verlauf der Handlung um und macht sie deshalb auch vorhersehbar. Die Nonchalance, mit der Martha Jellneck den ertappten Täter schließlich zur Strecke bringt, vereinsamt so fast zum einzigen Höhepunkt der Story.

Schmerzen echt gespielt

Umso mehr muss die Geschichte auf die spielerische Kraft ihrer Hauptdarstellerin setzen – und die ist bei Ellen Schwiers natürlich in hohem Maße vorhanden. Mit der Erfahrung jahrzehntelanger Bühnenpräsenz findet sie einen überzeugenden Weg, dieser Rolle Würde und Wachheit zu verleihen. Sie überfrachtet sie nicht mit den Schmerzen der Arthrose, die Ellen Schwiers beängstigend echt spielt, und sie zelebriert auch nicht jene Art von Einsamkeit, die immer so tut, als sei sie die Schuld ihrer Umwelt.

Auf diese Weise verleiht sie dem Stück jenes Gewicht, das einen letztlich doch gefangen nimmt – und dem es gelungen ist, hinterher manches Gespräch auszulösen, das man dem Thema „Vergangenheitsbewältigung“ zuordnen kann.