Fehlgeleitetes Befehlsverständnis
Wer „Eine Frage der Ehre“ vor wenigen Wochen als Film gesehen hatte, mußte nun den Besuch im Stadttheater nicht bereuen. Die bemerkenswert vielen jungen Zuschauer waren vielleicht auch von der Neugierde getrieben, wie das spannende Stück von Aaron Sorkin auf Bühnenbrettern funktionieren würde.
Schließlich wurde es mit allerlei Preisen bedacht und erlebte erst vor nicht einmal zweieinhalb Jahren seine deutsche Erstaufführung – Grund genug also, sich auf einen besonderen Theaterabend einzurichten.
Gewiß, der geballte Anblick von mehr als einem Dutzend uniformierter Männer auf der Theaterbühne mag gewöhnungsbedürftig sein und löste gerade beim herzlichen Schlussapplaus ein merkwürdiges Unbehagen aus. Die Absicht des Stückes jedoch, die Bedenklichkeit solch fest verwobener Männerhierarchie nicht allein dar-, sondern auch bloßzustellen, hat das nur verstärkt.
So bekommt der Einsatz der einzigen weiblichen Rolle für die Revisionsanwältin seine besonderen Sinn, stand doch auf diese Weise der militärischen Männerwelt nicht nur ein optischer Gegenpol gegenüber.
Mirjam Ploteny gebührt dabei besonderer Respekt. Sie bewältigte ihren umfangreichen, vorwärtstreibenden Part mit viel Leidenschaft, obwohl sie eine schmerzhafte Viruskrankheit zum Tragen einer Sonnenbrille zwang. Ihren engagierten Auftritten begegnete Alfons Haider, der als Navy-Anwalt Daniel Kaffee mit dem heiklen Fall betreut war, fast zu flapsig und leichtgewichtig. Gerade sein wachsender Einsatz an der fragwürdigen Mordgeschichte machte deutlich, daß ihm auch weniger plakative Elemente zur Verfügung stehen, um einen oberflächlichen und smarten Sunnyboy darzustellen: weniger als fünf Minuten in ranghoher Gesellschaft für zielgenaue Petting-Übungen erscheinen selbst in dieser Disziplin rekordverdächtig.
Gleichwohl: die Darstellung des eitlen und verwöhnten, aber auch von Versagensangst geprägten Berufsneulings gelang Haider über weite Strecken, sein Hang zu besonders großen Gesten scheint ihm für die Bühne offenbar unerlässlich. Als Volltreffer im spielerischen wie im optischen Sinn dürfen Olivier Schierholz und Raimund Merker als die beiden Angeklagten gelten, wobei gerade letzterer eine hinreißende Vorführung fehlgeleiteten Befehlsverständnisses gab.
Die kompakte, auf spannungsreiche Beschleunigung bedachte Inszenierung fiel durch eine besonders glückliche Vergabe der einzelnen Rollen auf, die zu einem überaus homogenen Theatererlebnis führte. Es wurde verstärkt durch ein kluges Bühnenbild, das zumeist unauffällig, aber wirkungsvoll zu einer Verdichtung der vielen Einzelszenen bei-trug, die choreographisch und musikalisch geschickt miteinander verwoben waren.
Förmlich spürbar wurden die Hitze und der seltsame Geruch beim effektvoll ausgeleuchteten ersten Auftritt von Lagerkommandant Nathan Jessep, der letztlich für die folgenschwere Ausführung des umstrittenen „Code Red“ verantwortlich war. Peter Schmid-Pavloff gestaltet diesen wahrhaften Überzeugungstäter mit einer Wucht, die einem schier den Atem raubte. Keine Facette störte das Bild des Vorgesetzten, der über jeden Zweifel erhaben ist, im Gegenteil: gerade die Summe der schauspielerisch eindrucksvoll umgesetzten Eigenschaften formte Schmid-Pavloff zu dieser beklemmend faszinierenden Bühnenfigur: „Wir gebrauchen die Worte Ehre, Kodex und Loyalität als Fundament unseres Lebens, das der Verteidigung gewidmet ist. Sie gebrauchen diese Worte nur als Pointe. Ich habe weder Zeit noch Lust, Ihnen das zu erklären. Denn Sie haben es sich doch gemütlich gemacht im Kuschelbett jener Freiheit, für die ich sorge. Und dann wagen Sie es, meine Methode in Frage zu stellen?“ Peter Schmidt-Pavloff läßt ahnen, daß es immer wieder Gestalten seines Charismas sind, die das Männerspiel „Militär“ in Gang halten und mit den notwendigen Argumenten versorgen. So werden Alfons Haider und Mirjam Ploteny, gewiss auch ihr herrlicher Kompagnon Raimond Knoll zwar die Bühnensympathien auf ihrer Seite gehabt haben; an die Möglichkeit und die Rechtfertigung fürs Theater aber haben ein Raimund Merker als angeklagter Soldat und Peter Schmid-Pavloff als unumschränkter Stützpunkts-Kommandant erinnert: sie haben glaubwürdig vorgeführt, daß sich bei allem Unbehagen über die straffen Organisationsformen jener Kreise leider auch die Anziehungskraft erklären läßt, der täglich und weltweit Männer mit ausreichender Anfälligkeit für derlei Handwerk erliegen.
Ein eindrucksvoller Theaterabend, mithin ein Höhepunkt innerhalb der Saison – zu Recht viel Beifall!