Ein Respekt einflößendes Musikerlebnis voller Charme und Virtuosität

LINDAU – Schon fast hat man vergessen, wie so eine Bühne aussieht, wenn sie von 75 Musikerinnen und Musikern mit ihrem reichen Instrumentarium bevölkert ist. Beim Galakonzert des Schwäbischen Jugendblasorchesters war das wieder einmal der Fall – doch noch eindrucksvoller sollte werden, was da anschließend von der Bühne herunterklang.

Für eine Großveranstaltung mit einer solchen Ansammlung qualifizierter Musiker ist ein fanfarenartiger Auftakt, wie ihn die „Festmusik der Stadt Wien“ von Richard Strauss darstellt, gerade der richtige Einstieg. Virtuosität, Gefühl, Charme und Witz waren beim nachfolgenden Stück gefragt, 20 Blasmusikvariationen von Nicolai Paganini! Die Musiker zogen bei diesem Arrangement von James Barnes wahrlich alle Register ihres Könnens, und es waren Klangfarben zu hören, die man bei solch einer Besetzung vielleicht vermutet, auf die man aber kaum zu hoffen wagte.

Fast wares, als schritte man an Musikräumen vorbei, aus denen mal Glenn Miller, dann Habrier, später vielleicht mal John Philip Sousa oder auch Dvorak ihre orchestralen Duftmarken hinterlassen hatten. Der unglaubliche Reichtum von Klangkombinationen, den diese geballte Ansammlung von Blasinstrumenten samt üppigem Schlagwerk hörbar machte, hätte manchem Sinfonieorchester zur Ehre gereicht – und auf den niederländischen Dirigenten, Professor Maurice Hamers, dürften ohnehin die meisten davon neidisch sein.

Ein musikalischer Drahtseilakt stand vor der Pause mit dem „Tanz auf dem Hochseil“ von Jules Strens bevor – wohl die Königsdisziplin dieses Genres, an die sich nur ganz wenige Blasorchester heranwagen (sollten), doch offenbar genau die richtige Herausforderung für einen Klangkörper dieser Güte: ein Fest für dynamische Feinarbeit, rhythmische Präzision und Stimmenbalance: Blasmusik zwischen Khachaturians – „Gayaneh-Suite“ und Strawinskys „Sacre du Printemps“! In den „Fantasy Tales“ waren besonders die Hörner gefragt, die das klangsatte Stück leitmotivartig umrahmten und der musikalischen Erzählung immer wieder neue Impulse gaben.

Eher besinnlich ging es bei der „Russian Christmas Music“ zu, wo sich pastorale, wundervoll gespielte Oboentöne und feines Glockenspiel zwischen die Orchesterpartitur schoben – nur der mächtige Zwischen- und Schlussteil erinnerten daran, dass Weihnachten auch mit Jubel zu tun hat.

Sinfonischer Anspruch

Seinen sinfonischen Anspruch führte das Orchester dann am Ende nochmals vor Augen: Richard Wagners Vorspiel zu den „Meistersingern“ stand an, und die Gelegenheit, dieses Werk einmal zu hören, wie es gewissermaßen von allen guten Streichern verlassen ist, hatte Reiz und in diesem Rahmen auch seine Berechtigung. So bot dieses über die Weihnachtsfeiertage einstudierte Konzert sowohl der staunenden Blasmusik-Zunft wie auch den Freunden konzertanter Werke ein packendes, wahrlich Respekt einflößendes Musikerlebnis. Reicher Beifall war der Lohn fürs Orchester, eine Zugabe der Lohn fürs Publikum.