Psychologisches aus Russland
Mehr als zweieinhalb Stunden währte Iwan Turgenjews hochpsychologische Komödie „Ein Monat auf dem Lande“. Den „russischen Längen“ stand ein hervorragendes Schauspielerteam zur Seite, das insbesondere den Endspurt des Stückes souverän zu gewinnen wußte.
Ganz sanft stimmt das informative Programmheft auf die zu erwartende Weitschweifigkeit ein: nicht einprägsame Namen wie Werther, Lear oder Orest sind es, die hier agieren, sondern Gutsbesitzer, die beispielsweise Arkákdij Sergéjewitsch Islájew heißen; oder Hausfreund Michail Alexàndrowitsch Rakitin, der allein schon durch seine Namenslänge noble Präsenz reklamiert. Ein Theaterstück also, das die Bereitschaft für russische Sprach- und Erzählmerkmale voraussetzen mußte, um dann aber die Zuschauer mit der Darstellungskraft großartiger Schauspieler zu überzeugen. Wenn da die plötzliche Eifersucht eines Peter Gross für Augenblicke der distinguierten Eleganz des vollendeten Gentlemans weichen muß, kann man getrost die Sünden vergessen, die solchen Komödiensituationen in aller Regel angetan werden. Oder wenn die fesselnde Männeraussprache mit dem gerade noch platonisch gehörnten Gatten (Wolf Frass) zu einer schicksalhaften Standortbestimmung wird, spürt man die Kraft der schlüssigen Regie von Valery Grishko.
Bis hin zu den kleineren Rollen zeigte sich dabei die gelungene Absicht, die Charaktere und Handlungsabläufe schlüssig darzustellen und psychologisch fein und glaubhaft umzusetzen.
Isabella Vértes als zerfahrenem, unbefriedigtem Gutsbesitzerweib gelingt es so in unaufhaltsamer Konsequenz, nacheinander ihren Hausfreund, den erhofften jungen Liebhaber und die geliebte Pflegetochter, die just zur Rivalin avancierte, loszuwerden – nichts steht mehr einem lahmgelegten und ereignislosen Eheleben im Wege.
Nane Brüning versieht die junge Vera mit allen Attributen einer 17jährigen; den Sprung vom unbedarften Backfisch zur ahnenden, liebesbewussten Frau und Konkurrentin vollzieht sie mühelos und glaubhaft. Lukas Schaja, der als russischer Student die halbe Gutsbesetzung durcheinander wirbelt, ohne dies auch nur im geringsten zu wollen, spielt seinen Part fernab jeder Oberflächlichkeit; wenn ihm allmählich dämmert, welche Herzensstürme seine Anwesenheit auslöst, die auch sein eigenes Herz zu erfassen beginnen, so entbehrt dies jedweder Künstlichkeit. Auch der Bezirksarzt (Jürgen Holdorf) und der einfältige Gutsnachbar Bolschintzów (Hans Kahlert), dem sich die schöne Vera schließlich hingibt, entsprechen der Absicht einer ernsthaften Interpretation auf hohem Niveau.
So ließ insbesondere der abwechslungsreiche zweite Teil die anfängliche Befürchtung vergessen, daß das vergleichsweise ereignisarme Stück die Zeit bis zum Spielende allzu lang werden ließe.
Langer und herzlicher Beifall belohnte das eindrucksvolle Gastspiel des Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters.