Dreier ohne Simone (Kristo Sagor)

Ein Glücksgriff für Lindau

Der Ruf nach echtem Jugendtheater, verbunden mit heftiger Kritik am „üblichen“ Theater, schallt bisweilen sehr laut in die Amtsstuben der Stadt. Nun gab’s den Dreier ohne Simone“, ein Stück für Jugendliche, wie es passender kaum sein kann. Dem geringen Besuch nach zu schließen ist die Bereitschaft zu besagter Kritik allerdings deutlich größer als die, entsprechende Angebote auch anzunehmen.

Das Stück „Dreier ohne Simone“ ist ein packender Psychokrimi, der jedem Vergleich mit Erwachsenentheater standhält und der Zündstoff, aber auch Nachdenkliches genug enthält, um gerade auch Schüler-Eltern einen gehaltvollen Theaterabend zu bescheren. Doch beide – Schüler und Eltern – schienen sich trotz eines überdurchschnittlich vielfältigen Einladungsangebotes kaum anlocken zu lassen.

So also gehen Sven, Andreas und Kai vor nur wenigen, dafür umso angespannteren Zuschauerreihen der Frage nach, wer für die Vergewaltigung von Simone während einer Klassenfahrt nach Venedig verantwortlich ist. Das Verhör beim Direktor, vor dessen Tür sich die drei nun getroffen haben, soll Aufklärung bringen. Ein Psychokrieg ohnegleichen beginnt, der ‚mal diesen, ‚mal den anderen zum Hauptverdächtigen macht. Ein Psychokrieg vor allem, der schauspielerische Leistungen zutage fördert, die man in dieser Ausprägung kaum zu erhoffen wagte. Und der in bewegender Anschaulichkeit von Gefühlen spricht, die man Jugendlichen hinter einer vermeintlichen Oberflächlichkeit oft gar nicht zutraut.

Wer war der Täter? War es der schüchtern wirkende Kai (Florian Stiehler), der im ersten Monolog von einem ganz anderen, nämlich seinem ersten Erlebnis mit einer Frau berichtet, wie auch die beiden anderen dann in ihren Monologen ihre jeweilige Befindlichkeit aufdecken? Jene drei Monologe sind es vor allem, die mit dramaturgischem Gespür und wirkungssicherem Belichtungseinsatz das Innere dieser drei Jugendlichen öffnen – symbolisiert durch die sechs Türen, die sich gleichzeitig auftun und alles andere für diesen Zeitraum in Erstarrung versetzen. Oder war es Sven (René Schack), dessen Reaktionen und Gewaltbereitschaft, aber auch seine Medikamentenabhängigkeit und Potenzprobleme in so merkwürdigem Widerspruch zu seinen Tränen stehen? Oder gar der homosexuelle Andreas (Daniel Mangisch), der es seiner ehemaligen Freundin Simone, die jetzt mit Sven zusammen ist, noch einmal zeigen will? Der erst 25-jährige Dramatiker Kristo Sagor hat mit seinem Erstlingswerk Themen wie Vergewaltigung, Ausgrenzung, Gewalt, Erotik und Sexualität so souverän, bühnentauglich und voller Klartext miteinander verarbeitet, dass er zurecht als einer der großen Hoffnungen im deutschsprachigen Raum zählt. Für das Stadttheater Lindau war es nichts weniger als ein Glücksgriff, innerhalb des gegenwärtigen Kinder- und Jugendfestivals gerade dieses Stück auf seine Bühne gebracht zu haben.

Diejenigen, die diese Chance zu einem Besuch genutzt haben, werden die Möglichkeiten des Theaters auch im Umgang mit jugendbezogenen Themen jetzt vielleicht in einem ganz neuen Licht sehen.