Ein Fünf-Sterne-Mann (Maria Manuela Reina)

Großes Interesse am Auftritt von Pierre Brice im Stadttheater

Klar, daß Pierre Brice keine Mühe hatte, für ein volles Haus zu sorgen.

Schließlich hat die Vorstellung, den sonst so schweigsamen Film-Winnetou im Frack auf der Bühne zu erleben, durchaus ihren Reiz. Und wer schon könnte sich seinem und dem Charme des französischen Akzents entziehen. In Lindau hatte die Wiederholungstournee der Komödie „Ein Fünf-Sterne-Mann“ Premiere.

Liest man die Inhaltsangabe des Stückes, so wird schnell klar, daß es sich um ein Beziehungsstück der üblichen Strickart handelt: Alternder Mann geht fremd, Ehe knackst; das Gleiche nochmals mit einer Jüngeren, die alles in Frage stellt; Gattin trennt sich, Start mit der Neuen in triefender Romantik.

In fraglos unterhaltsame Länge bringen das Ganze Veronika Marie von Quast, Brenda Wolff und Silvia Seidel auf die Bühne. Und eben Pierre Brice, der den Versuchungen dieser Damen aufs Standhafteste erliegt.

Dieser löst sich zunächst aus einem ansprechenden, hochgewachsenen Bühnenbild, dessen drehbare, ein wenig sperrige Säulenelemente anfangs für zusätzliche Spannung sorgen. Nun ja, in den uns bekannten Filmen dürfte Pierre Brice mittlerweile zum Kreis der Stammesältesten gehören, gleichwohl beeindruckt er nach wie vor durch seinen eleganten Auftritt und sein markantes, immer noch jugendhaft geprägtes Äußeres. Er paßt die Geschwindigkeit seiner beachtlichen Deutschkenntnisse gekonnt seiner Rolle an, die er mit großer Gestik und abwechslungsreicher, Charme-durchsetzter Mimik versieht.

Natürlich wirkt da manches übertrieben, plakativ und durchschaubar – dem braven Stück angemessen erscheint es allemal.

Veronika Marie von Quast versieht den Part der hin und her gerissenen Gattin mit übermütigem Einsatz; sie bedient dabei das stereotype Verhaltensmuster der Betrogenen aufs Genaueste, ohne sich darüberhinaus jedoch um feinere Gestaltung zu bemühen: möglicherweise wollte sie ja auch dem Stück nicht mehr Ehre antun als nötig. Gleiches läßt sich von Brenda Wolff sagen, die in der Rolle der Verführerin auch unter schauspielerischen Aspekten leichtes Spiel hat.

Silvia Seidel endlich umgibt die junge Agueda mit einer geheimnisvollen Aura, der Richard zurecht erliegt; ihr Können unterstreicht sie besonders in den drei Szenen im Museum, Konzertsaal und Flugzeug, die den Unterhaltungswert des leichten Stückes zur rechten Zeit zu steigern vermögen.

Möglicherweise funktionieren Komödien wie diese ohnehin nur, wenn ihre Hauptrollen möglichst prominent und – wie im Falle von Pierre Brice – glaubwürdig besetzt sind. So mag man darüber rätseln, ob „Ein Fünf-Sterne-Mann“ ohne ihn den gleichen Zuspruch fände; und diejenigen, deren Theaterbesuch mit der heimlichen Neugierde verbunden war, was denn aus ihrer früheren Karl-May-Figur zwischenzeitlich geworden ist, durften mit der Gewissheit nachhause gehen, daß ihre Legende nach wie vor lebt, und sie inzwischen wieder das tut, was sie gelernt hat: Theater zu spielen.

Ein unterhaltsamer Theaterabend also, der nicht auf Tiefgang aus war; die Spuren zu finden, die er hinterlassen hat, dürften allerdings auch einem „Winnetou“ schwerfallen…