LINDAU – Man muss fast drei Jahrzehnte zurückgehen, um festzustellen, wann „Die Schöpfung“ zuletzt aufgeführt wurde. Nun aber hat sich Nikolaus Schwärzler dieses populärsten aller Oratorien angenommen und in der voll besetzten Münsterkirche eine begeisternde Aufführung dirigiert.
Das zahlreiche Erscheinen bekannter Bürger und Vertreter der Stadt und der evangelischen Kirche wirkte wie eine Würdigung der Arbeit des „Freundeskreises der Kirchenmusik“, allen voran Nikolaus Schwärzlers. Mit Joseph Haydns „Schöpfung“ hat er sich ein Ziel gesteckt, das ehrgeizig war, im Ergebnis die Erwartungen aber mehr als erfüllt hat. Und wenn am Ende des sorgfältig und ausführlich erstellten Programmheftes die zahlreichen (und notwendigen) Sponsoren erwähnt sind, dann wurde die Aufführung zum Beweis dafür, wie sinnvoll die in solch wertvolle Kulturarbeit investiert haben.
Wer „Die Schöpfung“ gut kennt und sich möglichst schnell ein Bild über die Qualität einer Aufführung machen möchte, findet gleich zu Beginn die hierfür geeigneten Passagen: zum einen den fulminanten, ersten Orchesterakkord, der die „Beschreibung des Chaos“ einleitet und so beklemmend fortführt, danach das Bass-Rezitativ „Im Anfänge schuf Gott Himmel und Erde“ mit dem schwebenden Chor und der immer wieder frappanten Wirkung des „Und es ward Licht“-Fortissimos.
Wieder einmal zeigte sich die Kammerphilharmonie Bodensee/Oberschwaben unter ihrem Primus Michael Wieder als verlässlicher Instrumentalpartner, der die Herausforderungen dieser farbigen, immer wieder solistisch fordernden Partitur bravourös gemeistert hat. Nimmt man die guten Leistungen des Streicherapparates mittlerweile schon fast als selbstverständlich hin, so fielen diesmal innerhalb der Bläsergruppe vor allem noch die beiden Hörner und das Fagottpaar positiv auf.
Einen wahren Glücksgriff hat Nikolaus Schwärzler mit dem Solistenterzett getan: mit dem überaus schönen Bass von Thomas Fleischmann, dem jungen und klaren Sopran Judit Scherrer-Klebers und dem berückenden Timbre des Tenors Klaus Donaubauer waren hier Sänger am Werk, die offenbar auch in ihrer Erfahrung mit Oratorien über jeden Zweifel erhaben waren. Dass alle drei durch klare Artikulation und ein homogenes Miteinander bestachen, hat entscheidend zur hohen Qualität dieser Aufführung beigetragen und wurde auch von den Mitgliedern des Münsterchores am Ende begeistert gefeiert.
Der Chor selbst bewältigt die so unterschiedlichen Anforderungen der „Schöpfung“ großartig: Das gilt sowohl für die fugenartigen Passagen („Stimmt an die Saiten“), für die machtvolle Wirkung des „Vollendet ist das große Werk“ bis zur Kombination mit dem Solistenensemble („Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“) – Die Schöpfung enthält so ziemlich alles enthält, was das Chorherz begehrt.
Insbesondere die Frauenstimmen klangen diesmal auffallend frisch und in den Höhen geradezu warm und glichen die chronische „Unterbesetzung“ der Männerstimmen, wie sie bei vielen Chöre ja üblich ist, weitgehend aus.
Es führte zu weit, auf die stilistische Vielfalt dieses Oratoriums einzugehen, von der die ungemein ansteckende, so fröhlich stimmende Wirkung dieses Werkes ja eigentlich ausgeht – sie ist im Programmheft ausführlich gewürdigt.
Doch bleibt festzuhalten, dass es Nikolaus Schwärzler, der in den Rezitativen selbst das Cembalo spielte, in eindrucksvoller Weise gelungen ist, die Pracht und die Spannweite der „Schöpfung“ spürbar zu machen. Haydn selbst hat über die Entstehung des Werkes nie viele Worte verloren. Man hat am Sonntag allerdings ahnen können, was er gemeint hat, als er im Nachhinein einmal sagte: „Ich war auch nie so fromm, als während der Zeit, als ich an der ‚Schöpfung‘ arbeitete.“ Oder wie Altlandrat Henninger in seiner kurzen Ansprache sagte: „Es ist ein Erlebnis, das einen in andere Dimensionen verrückt.“