LINDAU – Dass fetzig präsentierte Chormusik ein Publikum regelrecht anstecken kann, hat man zuletzt beim Jahreskonzert der Jugendkapelle gesehen. Aus dem kühlen Norden kam jetzt im Zeughaus mit „Vocal Express“ die Steigerungsform.
Zwölf Stunden Fahrt und eine Hochzeit in Lindau mussten es schon sein, um nach 15 Jahren endlich im fernen Süden zu gastieren. Jörg-Martin Wagner, der künstlerische Leiter, und sein 20-köpfiges A-Capella-Ensemble aus Hamburg waren dann aber doch ziemlich überwältigt, wie voll der Saal und wie begeistert das Publikum hier „im Süden“ war. Schwer wurde es den Zuhörern freilich nicht gemacht, auf diesen „Vocal Express“ aufzuspringen und sich an den launig und lässig moderierten musikalischen Haltestellen zu amüsieren. Dies umso mehr, als dort mit Fantasie, zeitgemäßen Mitteln und scheinbar leichter Hand gearbeitet wurde. Das ist in erster Linie Jörg-Martin Wagner, der künstlerischen „Zugmaschine“ zu verdanken, die zeitgemäß, elegant und mit dem entsprechenden Rüstzeug für die Präsentation und den herrlichen Trip mit diesem Chor zuständig ist.
Aus bekannten Klassikern der Pop- und Jazzszene hat Wagner zum Teil fünfstimmige Arrangements kreiert, hat sich also nicht nur bei Robbie Williams, Kylie Minouge oder Paul Simon umgesehen, sondern genauso bei Frank Sinatra und Fats Waller, um sich daraus Chorstücke zu basteln, vor denen man nur respektvoll den Hut ziehen kann.
Anders als sonst üblich lässt er dabei den Chor auch mal über die Bühne schreiten, vermischt dabei die Stimmen und erzielt dabei manch interessante Klangmischung. Das alles funktioniert natürlich vor allem deshalb so ausgezeichnet, weil jedes Chormitglied auf Notenblätter verzichten und auf diese Weise immer wieder spielerisch und mit witzigen Gesten agieren kann. Die choreographischen Einschübe gehören dabei ebenso zum Markenzeichen dieser Gruppe wie ihr sicheres Gespür für den Rhythmus, den sie mit unterschiedlichsten Mitteln erzeugen. Das alles wirkt unangestrengt und natürlich, und es beflügelt sowohl den Chor als auch das Publikum. Am Ende dauert es eine ganze Weile, bis Beifall und Trampeln verklingen, um schließlich noch zwei packende Schlussnummern zu hören: von Chicago „If You Leave Me Now“ und – Jennifer Lopez wird diese norddeutsche Cover-Version verkraften – „Esst mehr Fisch!“