Bericht für eine Akademie (Franz Kafka)

Ein Affe läuft dem Käfig davon

Es ist die Saison der Ein-Personen-Stücke. Nach Sasse und Kohlund hat sich jetzt Walter Renneisen als Solist die Ehre gegeben: Im hervorragend besuchten Stadttheater brillierte er mit Kafka und Tschechow.

Der berühmte „Bericht für eine Akademie“, den der dressierte Affe Rotpeter an deren „hohen Herren“ richtet, gehört zu den besonders reizvollen Herausforderungen an Schauspieler. Dem früh verstorbenen Klaus Kammer gelang es damit sogar, der Theaterwelt in den frühen 60er-Jahren eine Sternstunde zu bescheren, die zum Glück aufgezeichnet wurde.

Gewiss weist Walter Renneisens Darstellung und Inszenierung signifikante Parallelen zu jener legendären Aufführung auf; andererseits bereichert er diesen „Vortrag“ mit zusätzlichen Elementen – etwa der Musik, die er bis auf Mozart selbst spielt, dem Stoffaffen oder einer Wandtafel so dass der Programmhinweis „in einer Fassung von Walter Renneisen“ durchaus berechtigt ist.

Darüber hinaus verfügt der mittlerweile 67-Jährige natürlich selbst über ein gehöriges Maß an schauspielerischen Mitteln, so dass er das Publikum gewiss auch ohne diese Reminiszenz in seinen Bann ziehen kann. Ihm wendet sich dieser Mensch gewordene Affe nun also zu und beginnt, seine ungewöhnliche Karriere zu schildern, die ihn von der Elfenbeinküste über die kurze Gefangenschaft beim Zirkus Hagenbeck bis hin zu seiner jetzigen Rolle als Varietékünstler führt. Sein äffisches Äußeres bleibt ihm dabei erhalten, alles andere hat er sich hart antrainiert und damit das Bildungsniveau des Europäers erreicht. Nie aber lässt er einen Zweifel daran, dass seine einzige Motivation darin bestand, einen Ausweg aus dem Käfig und einer Existenz im zoologischen Garten zu finden. Verächtlich beschreibt er dabei so manche Verhaltensweise – etwa das Entkorken und Austrinken einer Schnapsflasche -, die offenbar nötig ist, um der Gattung Mensch als Krone der Schöpfung zuzugehören.

Über Tabak erfährt man nichts

Walter Renneisen muss die typischen Schwingbewegungen von Affen, ebenso den dumpfen Blick von Tieren, die ihrer ursprünglichen Umgebung beraubt wurden, genau studiert haben. Gerade dadurch konnte es ihm so überzeugend gelingen, aus Kafkas pessimistischer Vorlage, die gleichzeitig das damalige Bildungsbürgertum aufs Korn nimmt, eine ebenso beklemmende wie faszinierende Aufführung zu machen.

Dabei spricht es für seinen Theaterinstinkt, wenn er den zweiten Einakter dieses Abends an den Schluss stellte: „Über die Schädlichkeit des Tabaks“ nennt sich das Stück von Anton Tschechow. Es handelt sich eigentlich um den Versuch einer verkrachten Existenz, wieder einmal einen seiner vielen „Pflichtvorträge“ im Auftrag seiner „zänkischen, bösen Frau“ zu halten. Dabei schafft es Walter Renneisen, eine gute Balance zwischen der vordergründigen Komik und der anrührenden Trostlosigkeit seiner Figur herzustellen. Natürlich erfährt man dann auch bei ihm nichts „Über die Schädlichkeit des Tabaks“, jedoch eine Menge über die verschiedenen Facetten von Walter Renneisens Schauspielkunst. Die jedenfalls erfährt am Ende eine Menge Anerkennung: Viele Zuschauer erhoben sich von ihren Plätzen, und der Beifall war lang und herzlich.