„Menschen in Not sucht man nicht“
Wer Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ lediglich für ein Kriegsheimkehrerstück hält, dem müsste der hervorragende Besuch im Stadttheater unerklärlich sein.
Doch Regisseur Michael Wedekind hat überzeugend dargestellt, dass Schicksale, wie das von „Beckmann“, nicht immer nur sinnloser Kriege be-dürfen, um solche Tragik zu entfalten.
Was für eine Bühnenwirkung für den als Beerdigungsunternehmer verkappten Tod: eine hohe Wand voller Grün, unheimlich und machtvoll zugleich, ein vielversprechender Beginn.
Vieles wird sich im mittleren und hinteren Teil dieser Bühne abspielen, die mit wenigen, aber gut ausgeleuchteten Requisiten den Blick fürs Wesentliche freihält. Beckmanns Selbstmordversuch endet so im Wasser an einem niedrigen Steg, der im weiteren Verlauf auch Platz für die meisten anderen Spielszenen bietet – ein Hinweis auf den kleinen, aber entscheidenden Abstand zwischen ihm und den anderen.
Carsten Klemm, der die Anklage und Mahnung dieses Verzweifelten in Worte und Gestik fassen wird, tut das mit enormem Kraftaufwand. Borcherts „Schrei“, wie sein Verleger das Stück bezeichnete, findet in Klemms Spiel seine Entsprechung. Verzweifelt und anklagend durchläuft er die Stationen seiner Zurückweisung, gestaltet dabei eine beklemmende Traumschilderung und will nicht wahrhaben, dass nicht einmal dieser Krieg die Menschen verändern konnte: eine starke schauspielerische Leistung. Auch Bert Franzke als Beerdigungsunternehmer, Oberst und Kabarettdirektor beeindruckt durch selbstverständliche Bühnenpräsenz und genaue Ausleuchtung dieser drei Figuren. Eine kräftige Stimme und ein üppiges mimisches Repertoire tun ihr Übriges, um die Dialoge mit Carsten Klemm besonders erinnernswert zu machen. Astrid Gorvin ist mit den Rollen der Oberst-Gattin, der Frau Kramer und der Alten Frau betraut, die sie alle mit trostloser Schwermut und bar jeder Freudensäußerung gestaltet – ein wenig eindimensional, aber durchaus im Einklang mit der Vorlage. Robert Hummel hingegen versieht „Den Anderen“ mit purer Lust am Anderssein, sprüht vor Optimismus und scheint einer der Mitbegründer der Yuppie Generation zu sein. Durch diesen Kontrast zu Beckmanns Tristesse wird die Aussichtslosigkeit, wieder in die Gesellschaft integriert zu werden, besonders augenfällig. Keine leichte Aufgabe für den alten Mann, Gott also, an den niemand mehr glaubt. Ernst Steiner vermeidet jede Andeutung, in dieser tragischen Figur noch einen Rest ihrer ehemaligen Bedeutung zu entdecken. Er lässt erkennen, wie tief die Narben sind, die der Zweite Weltkrieg bei Borchert hinterlassen haben muss. Über allem bleibt seine schmerzliche Einsicht „Menschen in Not sucht man nicht“ und sein Appell „irgendwann muss ein Anfänger doch mal anfangen können“.
. Parallelen an gegenwärtige Lebensläufe und Erfahrungen kristallisieren sich mehr und mehr heraus, und Borchert erschafft doch noch die Figur des Mädchens (Yasmin Kolberg), der allein es gelingen kann, Beckmann aus seiner Verzweiflung zu erlösen.
Es gelingt einer einfühlsamen Regie- und Ensembleleistung, diesem berühmten Nachkriegswerk weitaus mehr Aktualität einzuhauchen, als es auf den ersten Blick scheinen mochte