Auch Christine Kaufmann kann den antiquierten Eindruck dieser Komödie kaum aufheben
Man darf vermuten, dass diesmal das Theater nicht wegen des Stückes voll war, sondern wegen Christine Kaufmann. Wer allerdings erwartet hatte, dass sie Marivaux’s „Doppelte Verführung“ in strahlendes Licht tauchen würde, wird wohl ernüchtert worden sein: weder die Inszenierung noch die immer noch schön anzusehende Darstellerin konnten den antiquierten Eindruck dieser Komödie aufheben.
Es hatte alles so schön angefangen: ein interessantes Bühnenbild, passende Musik und ein gut ausgeleuchtetes Interieur. Dazu die Möglichkeit, eine berühmte Schauspielerin auch mal leibhaftig in Aktion zu sehen. Doch schnell war klar, dass der in Szene gesetzte Partnertausch keinerlei Anstalten machen würde, nach irgendwelchen Bezügen zu unserer Zeit zu suchen – geradeso, als hätte sich dieses Thema mit Beginn des 18. Jahrhunderts erledigt. Stefan Zimmermann, zugleich Regisseur und „Prinz“ dieses Stückes, erläutert im Programmheft zwar ausführlich, weshalb er darauf vertraut, dass sich die angesprochene Problematik durch engagiertes Spiel schon von selbst vermitteln würde. Damit erklärt er einerseits, warum er einem „interpretatorischen Übereifer“ aus dem Weg geht, nimmt aber andererseits auch in Kauf, dass sich jene möglicherweise gelangweilt abwenden, denen das höfische Getue in Marivaux’s Komödie ziemlich überspannt vorkommt. Nichts also für Kinder oder Jugendliche.
Ein probates Mittel, diesem Konflikt aus dem Wege zu gehen und gleichzeitig für volle Häuser zu sorgen, ist in der Regel die Verpflichtung eines prominenten Darstellers. Und das ist mit der berühmten Filmschauspielerin Christine Kaufmann durchaus gelungen. Doch soll nicht verheimlicht werden, dass die höhere Zahl schauspielerischer Impulse von denjenigen ausging, denen ein ähnliches Maß von Berühmtheit bisher versagt blieb: der bereits erwähnte Stefan Zimmermann zum Beispiel, der dem getarnten Prinzen so viel Eleganz verlieh; oder Johannes Pfeifer, der als Edelmann locker den Spagat zwischen komödiantischem Tun und vornehmer Geschäftigkeit bewältigte; dann Judith Pfistner, die mit ihrem prall gefüllten Dekolleté zunächst alle Blicke und dann den armen Arlequin auf sich zog. Den spielte Klaus Joachim Zey, und er hatte sichtlichen Spaß an seiner Verwandlung vom aufrechten Landstreicher zur Hauptperson dieser Geschichte, von der schließlich der weitere Fortgang abhing. Gleichwohl sollte es eine ganze Weile dauern, bis die Darsteller einen überzeugenden Umgang mit diesem Text gefunden hatten und ihn mit Bühnenleben erfüllen konnten: hierfür war nicht nur der ausbleibende Beifall nach dem ersten Akt ein eindeutiges Indiz.
Was Christine Kaufmann selbst anbelangt, so wird es sie wohl kaum anfechten, wenn man ihr eine gewisse Gleichförmigkeit im Tonfall, das unablässige Spiel ihrer Hände und eine nur schwer zu entzündende Leidenschaft in entsprechenden Szenen attestieren möchte. Immerhin aber darf man froh sein, wenn man sie auf diese Weise auch mal in Lindau erleben durfte. Für den Rest aber bleibt festzuhalten: Marivaux macht weder Kinder noch Erwachsene froh.