Dieses Plädoyer gegen die Todesstrafe packt das Publikum
Stehend hat das Publikum Christian Kohlund applaudiert: Das Ein-Personen-Stück „Im Zweifel für den Angeklagten“ sorgte für ein voll besetztes Stadttheater und eine spielerische Sternstunde in der laufenden Saison.
Viel Zeit hat er sich anfangs genommen. Hat die opulente, wunderbar ausgeleuchtete Bühne durchschritten und erst einmal anschaulich gemacht, wie man sich diesen Clarence Darrow vorstellen muss: Da war nichts von einem erfolgsverwöhnten Anwalt, gar einem strahlenden Siegertypen. Clarence Darrow war groß, kräftig und scheinbar schwerfällig, und in dieser Haltung hat sich Christian Kohlund erst einmal über die dunkle Bühne geschleppt. Hat vermutlich wahrgenommen, wie mucksmäuschenstill das Publikum wurde, um dann seinen Zweistunden-Monolog mit dem Satz „Als ich noch ein Junge war…“zu eröffnen. Zwei Stunden Biographisches? Gewiss hält das Leben des vor 150 Jahren geborenen Staranwaltes, der fast 100 Menschen vor dem Strang gerettet hat, eine Menge bereit, was erzählenswert ist. Christian Kohlund aber, der das Stück von David W. Rintels selbst ins Deutsche übersetzt hat, war ganz offensichtlich angetreten, um die Möglichkeiten großer Schauspielkunst fürs Publikum erlebbar zu machen. Mehr noch: es zugleich von der historischen Dimension und der tiefen Wahrheit zu überzeugen, die Darrows humanistischem Denken zu Grunde lag.
Und so konnte man gleich mehreren Lehrstunden in Sachen Jura, Religion, Geschichte und Philosophie beiwohnen, denen man so ziemlich jedes Attribut zusprechen konnte, nur nicht das einer Lehrstunde. Denn Christian Kohlund wechselte geschickt vom nachdenklichen Erzähler zum charmanten Ehemann, ließ dort den fanatischen Richter auflaufen, um gleich danach höchst einfühlsam einem Delinquenten zuzuhören.
Anspielungen auf US-Politik
Über all dem loderte immer wieder Darrows Credo auf, nämlich das seiner unbedingten Ablehnung der Todesstrafe. Genüsslich prangerte er die zweifelhaften Rechtsmethoden in den USA an, und so war es nur folgerichtig, wenn gelegentliche Anspielungen auf die gegenwärtige US-Regierung und die Fundamentalisten in Politik und Religion mit zustimmendem Zwischenapplaus bedacht wurden. Immer virtuoser setzte Kohlund seine schauspielerischen Mittel ein, nahm sein Publikum zu einer Gerichtsverhandlung mit, kokettierte mit Darrows Haltung zur freien Liebe oder brillierte mit dem geistvollen Disput zum Thema Bibelauslegung, der auch prompt einen weiteren Zwischenapplaus auslöste.
Auch wenn das Wort „mitreißend“ manchmal missbraucht wird – hier hat es seinen Platz. Als schließlich der Schlussbeifall aufbrandete und plötzlich ein gelöster, sportlich auftretender Christian Kohlund an die Rampe trat und sich dankbar vor dem aufmerksamen Publikum verneigte, gab es kein Halten mehr: Der lange anhaltende Beifall verwandelte sich in rhythmisches Klatschen, und auf einmal erhob sich das Publikum im ganzen Theatersaal von den Sitzen, um die großartige Leistung dieses sympathischen Künstlers angemessen zu würdigen.