Dieser Feuerbach spielt mit Wucht
Schon mit Goethes „Werther“ ist Heribert Sasse zwei Mal im Stadttheater Lindau gewesen. Auf Grund seines damaligen Erfolgs gab es nun auch von Tankred Dorsts „Ich, Feuerbach“ eine Wiederholungsaufführung. Sie war ein Drahtseilakt zwischen großer Schauspielkunst und völliger Verausgabung.
Keine Frage: Als Zuschauer muss man auf Einiges gefasst sein, wenn Heribert Sasse schier alle Dimensionen menschlicher Befindlichkeiten auslotet und sich das Ergebnis in einer Bühnenrolle Raum verschafft. Im Falle des „Feuerbach“ handelt es sich um einen alternden Schauspieler, der sieben Jahre seiner beruflichen Karriere in der Psychiatrie verbracht hat. Nun will er sich erneut um einen „Job“ bemühen. Bei Schauspielern heißt das: vorsprechen. Und so erleben die Zuschauer, wie sich Angst und Verzweiflung im Schauspielberuf äußern können, wenn Arbeitslosigkeit und der Abstieg in die „soziale Unterschicht“ drohen.
Der Kunstgriff in diesem Stück besteht nun darin, dass der Regisseur gar nicht in Erscheinung tritt. Stattdessen entwickelt sich im Vorfeld ein absurdes und einseitiges Zwiegespräch mit seinem Assistenten. Danach wird vermutlich mancher Zuschauer gezweifelt haben, ob er selbst diesem Schauspieler Feuerbach die begehrte Rolle gegeben, ihn also eingestellt hätte. Denn was Heribert Sasse in diesen wahrlich grandiosen Auftritt des „Feuerbach“ investiert hat, war ebenso faszinierend wie verstörend, war ebenso spannend wie unberechenbar. So hielt der pausenlose Durchgang von hundert Minuten in seiner Darstellung großartige Momente bereit, die einen Theaterbesuch zum Erlebnis machen können: Feuerbachs beinahe zärtliche Beschwörung des Faszinosums Theater einerseits, aber auch das unablässige Ringen um Anerkennung sowie die Kräfte verzehrende Angst vor dem vernichtenden Urteil des Regisseurs; ebenso Ausbrüche, die gleichzeitig Drohgebärde, Verachtung und den Hauch des Wahnsinns in sich bargen.
Wechselbad der Gefühle
Dieses Wechselbad der Gefühle übertrug sich auch auf den Zuschauer – von Theatervergnügen konnte da wahrlich keine Rede sein: Manch einer wird angesichts der spielerischen Wucht von Sasses Spiel sogar den Wunsch nach sparsamerem Einsatz der Ausdrucksmittel verspürt haben.
„Theatervergnügen“ stellte sich vielleicht eher beim Auftritt des wohl erzogenen Hundes ein, der brav und ohne Gebell seinen Part versah – nämlich das eingebildete Bedrohungs- und Verfolgungsszenario des Vorsprechers noch zu vergrößern. In ebenso schönem Kontrast glänzten aber auch Thomas Weißengruber und Veronika Vogt: ersterer als Regieassistent und „Dialogpartner wider Willen“, letztere als unbeteiligte, spielerisch unglaublich überzeugende Zeugin eines aberwitzigen Bühnengeschehens.
In Erinnerung bleibt vermutlich aber doch die Intensität und das nahezu unerschöpfliche Verausgabungspotenzial Heribert Sasses – möglicherweise stärker, als es das liebevolle Plädoyer fürs Theater verdient hat, das Tankred Dorsts Stück ja auch sein will.