Dieser Abend verdient das Prädikat „hervorragend“
Wer vom subventionierten Theater möglichst gute Schauspieler und beste Unterhaltung erwartet, wer darüber hinaus Anregung und Gesellschaftsbezug ohne erhobenen Zeigefinger erhofft, dem musste beim „Besuch bei Mr. Green“ eigentlich das Herz aufgehen: Jede der angeführten Disziplinen verdiente in der Lindauer Inszenierung das Prädikat „hervorragend.“
Hier ein homosexueller jüdischer Harvard-Absolvent, dort ein starrsinniger Witwer und orthodoxer Jude. Bei dem also muss ersterer einen befristeten Sozialdienst ableisten, weil er einen Verkehrsunfall verursacht hat: Schlechte Voraussetzungen für die nunmehr wöchentlichen Begegnungen, denen Ross Gardiner – so heißt der Harvard-Mann – in der verwahrlosten Wohnung des alten Mr. Green nachkommen muss.
Es wird ein aufschlussreicher Kampf zwischen zwei Männern werden, von denen jeder eine Minderheit repräsentiert. Und das Publikum verfolgt gebannt, wie aus dieser Melange von religiöser Borniertheit, Altersstarrsinn und scheinbar unausrottbaren Tabus ein hinreißender Theaterabend entsteht.
Für diesen Erfolg ist zuallererst Jeff Barons intelligent gemachtes Schauspiel verantwortlich. Ohne je gewollt oder künstlich zu wirken, entwickelt das Stück eine großartige Dramaturgie, die es zuletzt sogar zu einem lange unerwarteten, aber logischen Finale bringt: Die beiden grundverschiedenen Männer stehen vor der Tür, und sie erwarten das Eintreten von Mr. Greens einst verstoßener Tochter Rachel.
Schauspielerische Klasse
Aus religiösen Gründen – sie hat einen Nicht-Juden geheiratet – hat er jahrelang keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt – anders als seine verstorbene Frau, wie er jetzt erst erfahren muss. Und nun wird er ausgerechnet von dem Mann, den er auf Grund dessen Veranlagung zunächst ebenfalls verachtet, aus seiner engen Geisteswelt geführt.
Jörg Schüttauf und Alexander May machen diese Geschichte zu einem großartigen Erlebnis, wie es so intensiv nur auf einer Theaterbühne entstehen kann. Mit einer Glaubwürdigkeit ohnegleichen geraten da zwei Welten aneinander, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Und die vollbringen das Wunder ihrer allmählichen Annäherung sensibel und konsequent: So wie der eine an seiner Homosexualität nichts ändern kann und will, so bleibt der andere der überzeugte Jude. Dass allerdings beide unbequeme Schritte gehen und ihren Teil dazu beitragen müssen, um deshalb nicht gleich mit dem ganzen persönlichen Umfeld zu kollidieren, hat dieses Stück und seine kongeniale Umsetzung eindrucksvoll demonstriert. Lang anhaltender Beifall für Stück und schauspielerische Klasse!