Betroffenheit nach Blums verlorener Ehre
Viel hat sich im Stil und in den Methoden der „Bild-Zeitung“ und ihrer geistigen Abkömmlinge im Privatfernsehen nicht geändert, seit Heinrich Böll 1972 mit seiner „Katharina Blum“ versuchte, deren Treiben ein literarisches Pamphlet entgegenzusetzen. Das Münchner a.gon Theater machte Bölls Empörung in der Theaterfassung von Margarethe von Trotta spürbar.
Schön war das anzusehen, doch lange konnte Jenny-Joy Kreindl, die Regisseur Stefan Zimmermann für die Rolle der Katharina Blum ausersehen hatte, nicht über die vergangene Liebesnacht nachsinnen: mit lautem Getöse stürzt plötzlich eine aufgestachelte Polizeieinheit in ihr Zimmer, eskortiert und dadurch offensichtlich legalisiert durch einen ehrgeizigen Kommissar samt Staatsanwalt. Ab jetzt wird sie – gleichermaßen fassungslos wie ohnmächtig – vorführen, wie ein braves Mädchen in den Dunstkreis des Terrorismus gerät, gar zur Sympathisantin und Verdächtigen wird. Jenny-Joy Kreindls glaubwürdiges Spiel lässt am Ende sogar nachvollziehen, wie das Zusammenspiel eines hysterischen Staates, einer wild gewordenen Exekutive und gewissenloser Journalisten aus ihr eine Mörderin macht; eine Mörderin zudem, die ihre Verzweiflungstat keineswegs bereut.
„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ hat 37 Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer beklemmenden Kraft eingebüßt. Bölls Erzählung und die von ihm autorisierte Kino- und Bühnenfassung beschreibt die fatalen Auswirkungen, wenn Pressefreiheit und persönliche Verunglimpfung verwechselt werden. Mit Rainer Goernemann als Kommissar und Gustaf Gromer als Staatsanwalt Hach stehen dem a.gon Theater dabei zwei ausdrucksstarke Schauspieler zur Verfügung, die dem (beabsichtigen) Mangel an menschlicher Vielschichtigkeit zumindest mit der gebotenen Empathie gegenüber ihrer Rolle begegnen.
Und Johannes Pfeifer lässt als Polizeibeamter Moeding wenigstens erahnen, dass auf Amtsstuben durchaus Platz für Gefühle sein kann. Davon allerdings ist der Klatschreporter Werner Tötges weit entfernt, und Oliver Kamolz versieht ihn auch mit allen Ingredienzen, um ihn in seiner Skrupellosigkeit möglichst abstoßend zu finden. Michaela Stögbauer als Katharinas Patentante verleiht dem Szenario sein menschliches Antlitz, während Ursula-Maria Rehm in ihren zwei Rollen eher für die fragwürdigen Seiten menschlichen Verhaltens zuständig ist und diese auch überzeugend umsetzt.
Es mangelt nicht an Spannung
Gewiss ist das populäre Stück fein säuberlich in Gut und Böse aufgeteilt, doch so war die von Heinrich Böll als „Pamphlet“ bezeichnete Erzählung ja auch gemeint. Gleichwohl mangelt es der Schauspielfassung keineswegs an Spannung und wirkungsvollen Momenten, die hin und wieder sogar humorvoll angereichert werden. So wird der Zuschauer schon bald in den Bann dieser verhängnisvollen Staats- und Presseaffäre gezogen, und jeder ahnt, dass es mittlerweile noch ganz andere Dinge gibt, wovon die heutige Medienwelt infiziert sein könnte. Der abschließende Beifall schien dabei das richtige Maß zwischen der Anerkennung der schauspielerischen Leistungen und der Unbehaglichkeit des Themas gefunden zu haben.