Die verbotene Tür

Als nach der Pause die vierzehn „Weißen Perlen“ Verdis Rigoletto-Arie „Als Tänzerin erschienst du mir“ in anmutigste Bewegung verwandelten, war es für Augenblicke, als seien die Tänzerinnen mit einem unsichtbaren Faden verbunden. Am Ende des Ballett-Märchens wurde das einigende Band dann doch noch erkennbar, das Marion Urbanzyk liebevoll um ihre Ballett-Truppe legt.

Eine Ballettklasse in Kompaniestärke – der Umstand aber, daß es nur Mädchen vorbehalten ist, die Zauberwelt der „Verbotenen Tür“ zu tänzerischem Leben zu erwecken, hat zugleich etwas Tröstliches: der Gedanke, daß diese körperliche Ästhetik dereinst zur Einübung männlicher Gleichschrittsübungen herabgewürdigt würde, erzeugt in Anbetracht des Gesehenen größtes Unbehagen.

Fast 120 Mädchen also, und diszipliniert, daß es vermutlich intelligenteren, gewiß aber sensibleren Methoden zu danken ist als dumpfem Drill. Marion Urbanzyk hat es die ganzen letzten Jahre verstanden, ihre Leidenschaft und ihre Liebe zum Ballett so auf die vhs-Klassen zu übertragen, daß Qualität und Zusammenhalt ganz selbstverständlich mitwuchsen. Die anwesenden Hauptsponsoren – die Ehepaare Geßler für die Schwäbische Zeitung und Fuchs für die HypoVereinsbank – werden es mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben.

Was tat sich da für eine Farbenpracht auf! Zwei üppige Rahmen, die erst später die zum Bild erstarrte „Schwarze Perle“ freigeben sollten, zogen nach und nach all jene Elemente in ihren Bann, die eine Geschichte erst zu einem wundersamen Märchen macht. Da gab es die quirligen „Sechs Freundinnen,“ geheimnisvoll kamen der „Traum“ und die „Dunkelheit“ daher, stolz das „Licht“ und die „Meerkönigin“, übermütig die „Schloßkatze“ und selbstbewußt die „Mohren“ zu den Klängen des „Trovatore“. Besonders eindrucksvoll gestalteten sich die Szenen, in denen „Das Meer“ und „Die Flamingos“ die Bühne bevölkerten – als erfrischende, bedachtsam integrierte Figuren ertanzten sich Rehlein, Elfe, Nymphe, Hummel, Seepferdchen und Fische ihre Sympathien. Für zauberhafte Stimmung sorgten vier Pilze, Abendrot, Edelsteine und Mondlicht – an ihm mag es wohl liegen, wenn einige jetzt nicht mehr ausreichend wahrgenommen und auch nicht erwähnt sind…

Als choreographisches Schmankerl erwiesen sich dann die Variationen aus Schuberts „Forellenquintett“ – die ausgeprägte Vorstellungskraft für szenische Wirkung Marion Urbanzyks und die schier unglaubliche Leistung von Gabi Limmer, die all diese traumhaften, phantasiestrotzenden Kostüme kreierte, verbanden sich hier zu einem besonderen Höhepunkt; die kecke Schlußvariation zusätzlich mit tänzerischen Variationen anzureichern zeugte von Sinn für dramaturgische Wirkung und für das erstaunliche Können der vielen Tänzerinnen in dieser Szene. Marion Urbanzyk hat eine Unzahl klassischer Melodien – insbesondere Instrumentalfassungen aus Verdi-Opern – zu einer stimmigen Ballettmusik zusammengefügt. Gewiß hätte dabei der zweite Akt die Möglichkeit zur Straffung im lyrischen Teil geboten, da vor allem das junge Publikum seine Schwierigkeiten mit der Konzentration jenseits der 22-Uhr-Grenze zu spüren begann. Angesichts der langen Vorbereitungszeit für ein gewaltiges Unterfangen wie diesem erscheint aber der Wunsch aller Beteiligten, ihr tänzerisches Talent auch angemessen einzubringen, durchaus legitim.

Als sich Freude und Stolz der Beteiligten am Schluß mit dem herzlichen Applaus der Zuhörer vermischte, wurde man sich noch einmal der tänzerischen, aber auch organisatorischen und handwerklichen Leistungen dieser zauberhaften Produktion bewußt.