Die Troerinnen (Euripides / Walter Jens)

Tragödie geht unter die Haut

Erwartungsgemäß haben sich „Die Troerinnen“ von Euripides im Stadttheater nicht als Publikumsmagnet erwiesen. Doch die Bearbeitung von Walter Jens bot den Zuschauern einen eindrucksvollen Theaterabend, der durch eine schlüssige Inszenierung und großartige Schauspielerinnen – allen voran Cornelia Elter – imponierte.

Zugegeben: Viel passiert nicht in diesem Stück. Deshalb macht es Sinn, die zu einem mächtigen Aufschrei gegen die Folgen von Krieg und Verwüstung reduzierte Tragödie auf 90 Minuten zu verdichten. Auch das Bühnenbild begnügt sich mit wenigen Requisiten und überlässt seine Wirkung vor allem einigen blutverschmierten Kleidern und der sensibel eingesetzten Beleuchtung. Sparsam verwendete Tonelemente verstärken diesen Effekt.

Beängstigende Lebendigkeit

Zum Hauptverdienst der erstmals in Lindau gastierenden „Theater-Kompagnie-Stuttgart“ gehört deshalb die Unbedingtheit, mit der sie die psychologischen Befindlichkeiten und die beklemmende Situation von Kriegsopfern umgesetzt hat. Das Anliegen dieser Tragödie, nämlich vor den grausamen Risiken eines jeden Krieges zu warnen und die bestialischen Handlungen der „Sieger“ zu brandmarken, dürfte vielen Zuschauern unter die Haut gegangen sein.

Mancher Name aus der griechischen Mythologie, der uns seit dem Latein-Unterricht immer wieder begegnet, taucht hier in beängstigender Lebendigkeit auf: Hekabe, die vormals mächtige Königin, steht vor den Trümmern Trojas, ihrer Stadt – und ebenso vor den Trümmern ihrer einstigen Familienplanung: alle ihre 13 Söhne wurden beim Einfall der Griechen getötet, und jetzt muss sie hilflos mit ansehen, wie sie selbst und ihre verbliebenen Töchter an die Feinde verlost, von ihnen getötet oder zum Selbstmord gezwungen werden.

Kassandra steht dieses Schicksal bald bevor, Polyxena wurde bereits geopfert – nur die verhasste Helena, provokant und gefallsüchtig umgesetzt von Susanne Heigl, kommt wieder einmal knapp mit dem Leben davon.

Betroffene stehen auf der Bühne

Den Klagegesang angesichts des vielen Leides transformieren insbesondere Cornelia Elter (Hekabe), Viktoria Zavartkayova (Kassandra) und Britta Scheerer (Andromache) zu einem Spiel, das durch feinste Abstufungen, große Leidenschaft und beängstigende Glaubwürdigkeit besticht: hier stehen keine Sagengestalten auf der Bühne, sondern unmittelbar Betroffene. Hoffnungslosigkeit, nackte Angst und schiere Wehrlosigkeit spiegelt sich in den Gesichtern und der Gestik der vier anderen trojanischen Frauen wider, denen auch die choreographische Umsetzung der Chorszenen überzeugend gelingt.

Bearbeitung erhöht Wirkung

Gewiss hat die Bearbeitung von Walter Jens, die auch manche Abweichung vom zweieinhalbtausend Jahre alten Original in Kauf nimmt, die Wirkung der „Troerinnen“erhöht. Letztlich ist es aber dem Ensemble aus Stuttgart zu verdanken, dass sie die leidvollen Erfahrungen aus sinnlosen Kriegen auf einer Bühne spürbar machen konnte.